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Mit einigem Recht konnte man endlich auf ein friedliches Jahrhundert hoffen. Doch es sollte das Schlimmste bringen, was der Stadt Frankenstein und Schlesien jemals geschah.

Frankenstein war weit vor seine alten Stadtmauern gewachsen. 1905 hatte die Stadt 8.404 Einwohner. Ein paar Bauerngüter lagen jetzt auf Stadtgebiet, sie wurden zu den so genannten "Stadtgütern". In der Nachbarschaft des Brüderklosters und der Kaserne entstanden neue Gasthöfe, die den zum Markt kommenden Bauern und Gutsbesitzern Ausspannung für ihre Pferde boten. Zum Stadtgut Stark gehörte der Gasthof "Weißes Ross" und zum Stadtgut des August Fiedel bei dem früher Poststelle mit Kutschen und Postpferden war, gehörte das "Gasthaus zum Elefanten". "Der Elefant" würde später für die Bewohner von Stadt und Kreis Frankenstein einmal traurige Bedeutung erlangen. Doch bis dahin fuhren mit Fiedels mietbaren schicken Kutschwagen noch viele Hochzeitspaare zur Kirche.

Der Boxer-Aufstand in China und der Herero-Aufstand in der deutschen Kolonie Deutsch-Süd-West-Afrika 1904/5 haben in Frankenstein sicher weniger Aufsehen erregt, als die immer öfter auftauchenden Automobile. 1908 erhielt der aus dem nahen Strehlen stammende Mediziner Paul Ehrlich den Nobelpreis und 1912 bekam der aus dem nahen Bad Salzbrunn stammende Gerhart Hauptmann den Nobelpreis für Literatur. Sein Drama "Die Weber" kannte man in Frankenstein sicher. Neben Elektrizität hatte auch die Fotographie Einzug gehalten. Es gab z. B. das "Photogr. Atelier von E. Schumacher Frankenstein, Schlesien.", in welchem schon viele Bürger sehr schöne Porträt- und Familienaufnahmen machen ließen. Bald waren die ersten Frankensteiner stolze Besitzer eines Automobils. Es war eine gute friedliche Zeit.

Allerdings hatte die unglückliche Politik des Kaisers Deutschland isoliert, das mit Österreich allein stand. Es hatten sich zwei europäische Bündnisblöcke gebildet. Da vermeldeten die Zeitungen ein schlimmes Ereignis. Am 28.6.1914 waren in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin ermordet worden. Jetzt kam es zu einer Kettenreaktion: Am 5. 7. erging von Deutschland ein Hilfsversprechen an Österreich, worauf die Österreicher in Verkennung der Gefahr den Serben ein Ultimatum mit hohen Sühneforderungen stellten. Der österreichischen Kriegserklärung an Serbien vom 28. 7. folgte sofort die russische an Österreich, und wegen des gegebenen Hilfsversprechens erfolgte die deutsche Kriegserklärung an Russland. Die Ereignisse überstürzten sich, Großbritannien trat in den Krieg ein und Frankreich.
Der 1. Weltkrieg war entbrannt.

Viele junge Männer aus Frankenstein mußten jetzt zum Militär, und viele, viele kamen nicht mehr zurück. Sie ließen ihr Leben an den Fronten im Osten, Westen und Süden. Es half ihnen nichts, daß man ihnen nach dem Krieg in der Heimat, in Frankenstein, ein schönes, großes Ehrenmal errichtete. Ende August 1914 bereitete Hindenburg den Russen eine schwere Niederlage bei Tannenberg in Ostpreußen. Auch vor Schlesien war durch das Vorschieben der Front nach Osten die Gefahr gebannt. Das kaiserliche Große Hauptquartier richtete sich für zwei Jahre vom Frühjahr 1915 bis Frühjahr 1917 in Pleß/Oberschleien ein. Auch im Westen gab es Erfolge, dann kam es dort zum Stellungskrieg.

Am 5. 1. 1916 geschah etwas, was den Deutschen keinen Dank einbringen sollte. Der Staat Polen wurde von dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem österreichischen Kaiser Franz Josef I. wieder hergestellt.

Hindenburg wurde im gleichen Jahr Chef der Obersten Heeresleitung. Der Thronwechsel in Österreich am 22. 11. 1916 brachte erste Auflösungserscheinungen. Das Jahr 1917 war ein Wendepunkt.

Am 15. März 1917 begann in Russland die Revolution. Besorgt lasen die Frankensteiner davon in den Zeitungen. Teile des russischen Heeres kämpften zwar weiter, aber die Front löste sich auf als Lenins Revolution (7. 11.) mit der Parole "Frieden um jeden Preis" zum Erfolg geführt hatte. Die Deutsch-österr. Truppen konnten bis Rostow und vor Petersburg vordringen. Am 3. 3. 1918 gab es den Frieden von Brest-Litowsk. Doch die Hoffnung auf wirklichen, baldigen Frieden mussten auch die Frankensteiner begraben als einen Monat später am 6. 4. 1918 die USA in den Krieg eintraten.

Frische Truppen und viel Material aus den USA brachten die anfänglichen Erfolge im Westen zum Erliegen. Die westlichen Feindmächte hatten jetzt deutliches Übergewicht. Man wehrte sich zwar überall noch heftig aber unter dem Eindruck des britischen Einbruchs bei St. Quentin am 8. 8., dem "schwarzen Freitag", verlangte Ludendorff Waffenstillstandsverhandlungen. In den Vorverhandlungen zum Waffenstillstand kam es in Deutschland zur Novemberrevolution.

Der Kaiser ging nach Doorn bei Utrecht und verzichtete auf den Thron.

Am 9. 11. 1918 übernahm der "Rat der Volksbeauftragten" unter Friedrich Ebert die Regierung.

Am 11. 11. 1918 kam es in Compiègne zum Waffenstillstand. In all den bösen Nachrichten gab es einen Lichtblick. Der aus Breslau stammende Schlesier Fritz Haber erhielt den Nobelpreis für Chemie. Doch seine Heimat Schlesien war jetzt nach dem Waffenstillstand ernsthaft gefährdet.

Während des Krieges war in Paris das "Polnische Nationalkomitee" gegründet worden, das einen neuen polnischen Staat erstrebte, was man ja 1916 auch erreicht hatte. Nach dem Großpolnischen Aufstand vom Dezember 1918 näherten sich polnische Militär-Einheiten der nord-schlesischen Grenze, am bedrohlichsten war aber die Lage in Oberschlesien. Die polnische Armee war von ihrem General Haller durch Deutschland aus Frankreich nach Polen zurückgeführt worden.

Polen und Tschechen erhoben Gebietsansprüche an Preußen, letztere auf Leobschütz und Glatz, was in Frankenstein sicher mit großer Besorgnis aufgenommen wurde. Das polnische Nationalkomitee unter Roman Dmosk forderte schon da die Annexion von Ostdeutschland bis zur Oder-Neisse.

Mit den Friedensschlüssen von Paris und der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles am 28. 6. 1919 fand der 1. Weltkrieg für Deutschland seinen bitteren Abschluss.

Während des Krieges waren immer mehr auch ältere Männer zur Verteidigung des Vaterlandes zum Militär gezogen worden. Auf den Schultern der Frauen hatte auch in Frankenstein und seinem Umland alle Last, nicht nur der Arbeit, der Kranken- und Verwundetenpflege gelegen. Jetzt endlich kehrten die Männer, die überlebt hatten in die Heimat zurück. Hier aber herrschte Hungersnot. Außerdem verfolgte man besorgt, wie die polnischen Vertreter bei den Friedensverhandlungen in Paris immer größere Gebietsforderungen stellten. Der italienische Außenminister Graf Sforza sagte hierzu: "Diese Polen erwecken den Eindruck, als wäre halb Europa ehemals polnisch gewesen und müsse wieder polnisch werden." Am 28. 6. 1919 war im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles die Unterzeichnung des "Versailler Diktates" erfolgt. Es wurde die bedingungslose Unterzeichnung dieses "Friedensvertrages gefordert. Der neue Außenminister Müller und Justizminister Bell vollzogen die Unterzeichnung. Die Auswirkungen sollte man in Deutschland bald spüren.

Am 11. 8. 1919 verabschiedete die Nationalversammlung in Weimar die Verfassung des deutschen Reiches.

Die deutschen Farben wurden Schwarz-Rot-Gold.

Im Monat August 1919 kam es ohne schlesischen Einfluss in Ostoberschlesien zum ersten polnischen Aufstand. Die Aufständischen waren fast alle Angehörige des polnischen Heeres. Deutsche Truppen konnten den Aufstand unterdrücken.

Im Versailler Vertrag erhielt Polen seinen geforderten "Zugang zum Meer". Danzig wurde zum "Freistaat" und Ostpreußen war durch den polnischen Korridor vom deutschen Reich abgetrennt worden. Im Versailler Vertrag war auch die Abtretung von großen Teilen Schlesiens an Polen bestimmt. Die Forderung der Polen, auch fast das ganze Oberschlesien zugesprochen zu bekommen, war von Frankreich und den USA gutgeheißen worden. Nach dem Protest der deutschen Regierung so wie der Öffentlichkeit und dem Widerstand Englands, einigte man sich auf eine Volksabstimmung im größten Teil Oberschlesiens.

Der Vertrag von Versailles trat am 10.1.1920 in Kraft.

In Schlesien hatte am 11. 2. 1919 die "Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkommission" unter dem französischen General Le Rond in Oppeln die Verwaltung des Abstimmungsgebietes übernommen, welches von französischen, italienischen und englischen Truppen besetzt wurde. Im August kam es im Industrierevier zu einem neuen polnischen Aufstand. In Frankenstein musste man diese Entwicklungen mit Sorge beobachten. Auch, dass in den Grenzregionen bei den zahlreichen Übergriffen der Polen auf Deutsche, die Franzosen beide Augen zudrückten, im umgekehrten Fall bei Gegenreaktionen der Deutschen aber hart durchgriffen. Italiener und Engländer hielten sich hingegen strikt neutral.

In München war 1919 ein gewisser Adolf Hitler aus Österreich in eine dieser vielen neuen Parteien als 7. Mitglied eingetreten. Die Partei nannte sich "Deutsche Arbeiter Partei".

Inzwischen eroberten die Polen mit französischer Hilfe kriegerisch in ihrem Osten weite Teile von Litauen mit Wilna, Weißrussland und der Ukraine über die ihnen zugestandene "Curzon-Linie" hinaus. In dem Gebiet zwischen "Curzon-Linie" und der neuen polnischen Ostgrenze gab es 6 Millionen Ukrainer und Weißrussen, 1,4 Millionen andere wie Litauer, aber nur 1,5 Millionen Polen!

Auch das wurde in Frankenstein mit Sorge gesehen, sollte es im Osten keinen Frieden geben?

Zur Abstimmung in Oberschlesien am 20. 3. 1921 kamen etwa 180 000 abstimmungsberechtigte Oberschlesier in die Heimat. Aus dem Reichsgebiet wurden dafür Sonderzüge eingesetzt. Auch aus Frankenstein reisten Abstimmungsberechtigte nach Oberschlesien. Das Abstimmungsergebnis war trotz vorhergegangenen polnischen Terrors ganz eindeutig. Für den Verbleib bei Deutschland wurden 59,6% Stimmen abgegeben, für Polen waren es 40,4%!

Auch in Frankenstein wurde das mit Befriedigung aufgenommen. Aber auf alliierter Seite wurde eine Teilung des Abstimmungsgebietes beschlossen. Da man sich auf eine Teilungsgrenze nicht einigen konnte, wurde der Völkerbund angerufen. In der Zwischenzeit begann eine polnische Insurgentenarmee am 3. 5. 1921 den dritten Aufstand. Sie besetzte unter ihrem Führer Albert Korfanty in Oberschlesien den ungefähren von Polen geforderten Teil. Da die französischen Truppen, im Gegensatz zu den italienischen, die Polen nicht aufhielten, stellte sich diesen der deutsche "Selbstschutz Oberschlesien" entgegen und schlug am 21. 5. 1921 die Polen am Annaberg.

Auf Grund der "Empfehlung" einer Völkerbundskommission wurde am 20. 10. 1921 die Abtretung eines Gebietes von 3.213 qkm und 985.676 Bewohnern an Polen beschlossen.

Aus dem zu Polen gefallenen Teil Oberschlesiens wanderten viele Deutsche aus, weil sie nicht unter polnischer Herrschaft leben konnten oder wollten.

Der Verlust des größten Teiles des oberschlesischen Industriegebietes und die Besetzung des Ruhrgebietes durch Belgien und Frankreich, so wie die hohe Schuldenlast des Versailler Vertrages führten Deutschland in eine wirtschaftliche Katastrophe. Es sollten z. B. für die Dauer von 59 Jahren Zahlungen in Höhe von 131 Milliarden Goldmark erbracht werden. Das hätte bedeutet, dass mindestens vier Generationen, etwa bis 1989, zur Kasse gebeten worden wären. Deutschland war am Ende. Die Währung brach zusammen. Die Inflation ging ihrem Höhepunkt entgegen. Hatte es nach dem "Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre der Provinz Schlesien" von 1913 im Kreis Frankenstein neben dem Prinz Friedr. Heinrich von Preußen in Kamenz, oder der Frau Kommerzienrat Güttler, Reichenstein, eine Reihe Millionäre gegeben so wurden jetzt alle Frankensteiner sogar zu "Billionären"! 1$ war 4,2 Billionen Mark wert. Überall, auch in Frankenstein wurde "Notgeld" gedruckt. Die Inflation wurde dann durch die Einführung der Rentenmark beendet, aber sie hatte auch in Frankenstein wie überall in Deutschland, die meisten Menschen arm gemacht.

Jener Österreicher, Adolf Hitler, machte von sich reden, er benannte die "Deutsche Arbeiter-Partei" um in NSDAP = National sozialistische Arbeiterpartei. Dabei verkündete er das Parteiprogramm. Nach einem missglückten Putschversuch, kam Hitler in Landsberg in Festungshaft wo er den 1. Band seines Buches "Mein Kampf" schrieb.

Die Parteienlandschaft im Reich war riesig geworden. Doch in Schlesien überwog in den evangelischen Landesteilen die Stimmung für die Sozialdemokratie, in den überwiegend katholischen Teilen hatten die Konservativen, besonders das "Zentrum" die größeren Sympathien. So auch im mehrheitlich katholischen Frankenstein mit seinem Kreis. Hitlers NSDAP hatte da noch keine Möglichkeiten. Doch er machte mit seiner NSDAP immer mehr Schlagzeilen durch Zusammenstöße mit Kommunisten und anderen.

Am 26. 4. 1925 wurde Hindenburg, der 1918 die deutschen Soldaten in die Heimat zurückgeführt hatte, zum Reichspräsidenten gewählt. Das Leben ging seinen Gang. Man genoss es auch in Frankenstein. Es gab den Stummfilm und viele Vereine, die auch die Kultur pflegten, man feierte Fasching oder Kirmes oder fuhr nach Berlin. Die meisten hatten in der Hauptstadt Verwandte, einst nach Berlin "ausgewanderte". Es hieß nicht umsonst, dass die "besten Berliner aus Schlesien stammten".

Doch in Frankenstein wurde auch fleißig gearbeitet. Trotz der hohen Steuerlasten begannen in Frankenstein Industrie und Handel aufzublühen. Dennoch gab es viele Arbeitslose und Arme.

Reichsaußenminister Stresemann erreichte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und bemühte sich um internationale Unterstützung zwecks einer Revision der Ostgrenzen, des polnischen Korridors und des Status von Danzig. Doch schien die Weimarer Republik mit ihren schwachen Regierungen keinen Weg aus der durch das Versailler Diktat entstandenen Not zu finden.

Als Folge des 1.Weltkrieges kam es 1929 zur Weltwirtschaftskrise. Dadurch stieg in Deutschland die Arbeitslosigkeit ins Unerträgliche. Eine "Notverordnung" folgte der anderen, so z. B. mit Kürzungen der Beamtengehälter. Auch in Frankenstein sahen viele die Rettung wohl nur noch in einem starken Mann an der Regierung. Für manchen war das Adolf Hitler.

Durch das Versailler Diktat und die Folgen der Weltwirtschaftskrise kam es 1930 für Adolf Hitler zu einem großen Wahlsieg. 1932 wurde Paul von Hindenburg nochmals zum Reichspräsidenten gewählt.

Am 30. 1. 1933 verhalf der 85jährige Hindenburg Hitler zum Sieg. Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler berufen.

Jetzt begann aus der Sicht heutiger Politiker für Deutschland die "längste Zeit" seiner Geschichte, nämlich ganze 12 Jahre!

Es wurden 12 Jahre, die für Frankenstein und ganz Schlesien eine schreckliche Bedeutung erlangten!

Frankenstein im "Dritten Reich"

Am 24. 3. 1933 erging durch Hitler das "Ermächtigungsgesetz". Auch in Frankenstein etablierte sich jetzt die "NSDAP". Beamte, wie Lehrer, wurden mit mehr oder weniger Druck zum Eintritt in die "Partei" gezwungen. Am 2. 8. 34 starb Hindenburg. Hitler vereinigte jetzt das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers in seiner Person.

Nach den Fahnen Böhmens, der Habsburger, der schwarz-weißen Fahne Preußens und den Farben der Weimarer Republik in Schwarz-Rot-Gold, die von den Lützower Jägern aus Schlesien herrührten wehte jetzt die "Hakenkreuz-Fahne" über Schlesien.

Hitler hatte freie Hand in Deutschland, nichts stand der Nazi-Diktatur mehr im Wege.

Trotz vieler Widerstände, vergeblich, die Nazi-Partei hatte auch in Frankenstein bald jeden Lebensbereich fest im Griff.

Der Schlesier Landrat Dr. jur. Georg Pietsch wurde am 17. 10. 33 von den Nazi abgesetzt. An seine Stelle trat der in Bielefeld geborene Dr. jur. Georg Horstmann. Ihm folgte 1934 der in Mönchen-Gladbach geborene Dr. jur. Hermann Ercklentz.

Zur Behebung der Armut wurde das so genannte "Winterhilfswerk" eingeführt. Der Bau der "Reichsautobahnen" wurde aufgenommen und dabei der "Reichsarbeitsdienst" eingesetzt. Man suchte auch damit die Arbeitslosigkeit zu beheben. Es schien aufwärts zu gehen. In Frankenstein baute die Maschinenfabrik H. Eisner & Söhne Landmaschinen, besonders Dreschmaschinen. Die wurden sogar bis nach Amerika geliefert. Dann gab es die Füllfederhalter-Fabrik "Haro" und viele andere Betriebe. In Frankenstein kaufte man in Geschäften ohne zu fragen, ob sie einem Juden gehörten und man ging zum jüdischen Zahnarzt, viele Patienten wussten gar nicht, dass er Jude war. Darin zeigten die Nazi erst später ihr Gesicht. Am 26. 1. 1934 schloss Hitler mit Polen den Freundschaftsvertrag. Durch Volksabstimmung kam das Saarland am 13. 1. 1935 zum Reich. Hitler hatte die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Dem politischen Druck der Nazi suchten sich die meisten in Frankenstein irgendwie zu entziehen. Trotz diesem Druck mit Parteiaufmärschen und Hitler-Jugend, das Leben war schön. In Breslau gab es das "Sängerfest" und das "Turnerfest" und viele Frankensteiner fuhren hin. Es gab die schönsten Sachen zu kaufen. In Frankenstein ging man etwa zum Einkauf ins Kaufhaus Kaschuba am Ring, dann zum Fleischer Kaschel eine Knoblauchwurst oder eine "Krakauer" essen, oder ins Cafe Rösner Ecke Kirchstraße beim "schiefen Turm" und aß Torte oder Eis. Dann konnte man ins Kino "Schauburg" gehen, es gab ja jetzt so schöne Tonfilme. Allerdings mußte man schon sparsam sein, die Verdienste lagen nicht gerade hoch. Dennoch fuhr mancher Frankensteiner 1936 nach Berlin zur Olympiade. Auch in Frankenstein gab es Sportvereine wie den SSV-Frankenstein, dessen letzter Vorsitzender Herr Reich war. Man spielte Fußball auf dem Sportgelände, ging im Sommer schwimmen in die Badeanstalten und im Winter fuhr man mit der Kleinbahn ins nahe Gebirge, etwa nach Silberberg zum Skilauf. Am Stolzer Kalkberg konnten die Jungen mit der Flieger-HJ den Segelflug erlernen.

Dass sich Hitler 1936 mit der Legion Condor in Spanien gegen die Kommunisten für Franco engagierte, fand bei den Frankensteinern wohl kaum Verständnis. Der Bombenangriff deutscher Flugzeuge auf die für den Nachschub der Kommunisten wichtige kleine Brücke bei Guernica, wo es durch ungenauen Abwurf der Bomben in der kleinen Stadt viele Zerstörungen und leider viele Tote gab, sollte den Deutschen noch in ferner Zukunft anhängen. Der Maler Picasso schuf ein Jahr danach (1937) sein berühmtes Monumentalgemälde "Guernica".

Am 13. 3. 1938 hörten die Frankensteiner im Radio, es gab jetzt fast in jedem Haus einen "Volksempfänger", dass die deutschen Truppen in Österreich einmarschiert waren. Etwas später ließ sich der Österreicher Hitler in Wien bejubeln. 1938 kam es auch zum Münchener Abkommen. Das Sudetenland, welches ohne Abstimmung nach dem Krieg zur Tschechei geschlagen worden war, kam zum Reich. Der Kreis Frankenstein hatte keine Grenze mehr zur Tschechei. Ungehindert konnte man jetzt einen Ausflug zur "Gucke", dem so schön oberhalb Reichenstein gelegenen beliebten Weinlokal, unternehmen.

Doch am 9. 11. 1938 geschah etwas unbegreifliches. In Deutschland brannten die Synagogen. Auch in Breslau brannte nachts die große Synagoge, Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte wurden zerschlagen, und der immer bei solchen Gelegenheiten schnell anwesende Mob plünderte. Bei den meisten Deutschen, so auch in Frankenstein, war die Bestürzung groß. Auch in Frankenstein hatten die Juden in einem Haus in der Oberstraße ihre Synagoge. Hier hatte es keine Ausschreitungen gegeben. Daß die Juden von den Nazi unterdrückt wurden, dass sich viele ins Ausland absetzten, war ja schon länger bekannt. Beim Einkauf in Breslau sah man auch an jüdischen Geschäften Plakate kleben: "Kauft nicht beim Juden". In Frankenstein wurde die Synagoge später durch die Nazi aufgelöst.

Doch diese Ausschreitungen jetzt, das konnte nicht gut gehen......

Am 22. 3. 1939 gab Litauen das seit dem Versailler Vertrag abgetrennte Memelland an Deutschland zurück.

Nur mit den Polen gab es weiter Ärger. Bereits in den 20er Jahren hatten die Polen in dem an sie gefallenen Westpreußen und im Gebiet Posen die dort ansässigen Deutschen drangsaliert und damit über 1 Million Deutsche zur Aufgabe ihres Besitzes und zur Flucht ins Reich gezwungen. Schon vor Hitlers Machtergreifung befasste sich am 15. 6. 1932 das britische Oberhaus mit dem Geschehen in Polen, der polnischen Anwendung des Terrors gegen die Minderheiten der Deutschen, Ukrainer, Litauer im polnischen Staat. Lord Cecil bezeichnete den polnischen Terror als "das Gewissen der Menschheit erschütternd"!

Seit 1926 hatten die Polen widerrechtlich bei Danzig auf der Halbinsel Hela ein Munitionsdepot angelegt. Immer wieder behinderten sie den Landzugang vom deutschen Reich nach Ostpreußen durch den polnischen "Korridor". Sogar Diplomaten, die von Berlin nach Königsberg wollten, wurden behindert. Deshalb wollte Hitler durch diesen "Korridor" eine exterritoriale Verkehrsverbindung haben. Außerdem wollte er den Anschluss von Danzig ans Reich.

Bereits am 24. 10. 38 hatte die Hitler-Regierung Vorschläge unterbreitet, die viel bescheidener waren, als die von Stresemann im Jahre 1926, eine exterritoriale Verkehrslinie durch den "Korridor" und Rückkehr von Danzig unter diversen Garantien für Polen. Am 19. 11. 38 lehnte Polen ab mit dem Hinweis, dass es wegen Danzig zu Konflikten kommen könne. Doch im Frühling, am 21. 3. 1939 wurde das Angebot an Polen wiederholt und wieder lehnte Polen am 26. 3. Verhandlungen ab mit der Drohung durch Lipski, den polnischen Botschafter in Berlin, die Rückkehr Danzigs würde Krieg bedeuten. Zwei Tage davor hatte Polen am 24. 3. 39 mit der Teilmobilmachung begonnen. Das polnische Heer wurde auf 334.000 Mann vergrößert. Hitler hatte im März Prag besetzt und kündigte am 28. 4. 1939 den Nichtangriffspakt mit Polen von 1934. Darauf konterten England und Frankreich im Mai mit Beistandsgarantien für Polen. Der polnische Marschall Rydz-Smigly sah sich schon als Sieger am Brandenburger Tor in Berlin und verkündete seinen Offizieren in der Gegend zwischen Kattowitz und Krakau. Polen will Krieg mit Deutschland, und Deutschland wird ihn nicht vermeiden können, selbst wenn es das wollte. Eine polnische Zeitung druckte eine Landkarte mit neuer polnischer Westgrenze nahe bei Berlin. Adolf Hitler versuchte das deutsche Volk auf Krieg zu stimmen mit der Parole vom "Volk ohne Raum". Die Kriegspropaganda lief auf beiden Seiten.

Auf die englisch-französischen Beistandsgarantien für Polen folgte der deutsche Militärvertrag mit Italien. Das deutsche Volk und somit auch die Frankensteiner mussten das alles mit großer Besorgnis verfolgen, häuften sich doch auch die Nachrichten von immer mehr polnischen Übergriffen an den Grenzen, brennende Scheunen in deutschen Dörfern und unter seltsamen Umständen getötete deutsche Zivilisten.

Trotz aller Sorge genoss man die Sommermonate. Viele Frankensteiner erfreuten sich an ihren in den letzten zwei Jahrzehnten in den Neubaugebieten erworbenen Häusern mit Garten. Die Stadt hatte jetzt schon 10.857 Einwohner auf 4,16 qkm. Es war schön in Frankenstein zu wohnen. Mancher machte vielleicht noch mit dem KdF-Schiff "Wilhelm-Gustloff" eine Fahrt in die norwegischen Fjorde. Viele, besonders Kaufleute hatten ein Auto, größere Firmen und Industrien waren längst gut motorisiert. Der "kleine" Mann hatte einen Sparvertrag für einen "Volkswagen" und freute sich, bald auch ein Auto zu besitzen. Doch im August schloss Hitler einen Nichtangriffspakt mit Sowjet-Russland. Die Sorgen im Volke wuchsen, bedeutete das alles wirklich Krieg?

Neue schlechte Nachrichten kamen immer wieder, ein Verkehrsflugzeug D-AHIH (Lufthansa) mit 12 Fluggästen war bei Danzig, außerhalb des Sperrgebietes nördlich der Halbinsel Hela über dem Meer von polnischen Kriegsschiffen beschossen worden.

Ende August läuft die Diplomatie auf Hochtouren. Auch der Papst versucht zu vermitteln. Über des Papstes Vermittlungsversuche äußerte sich der polnische Außenminister Jozef Beck später in seinen Memoiren, dass "sie ihm nur auf die Nerven gingen". In Berlin versucht noch am 3o./31. August der schwedische Kaufmann Birger Dahlerus Verhandlungen zu erreichen. Doch vergeblich wartet er auf Nachricht aus Warschau. Diese kommt als Mobilmachung.

Am 1. 9. 1939 erfolgte der Einmarsch deutscher Truppen in Polen.

Das Verhängnis begann seinen Lauf.

Der Einmarsch der deutschen Truppen in Polen löste zwei Tage später am 3. 9. 1939 die Kriegserklärung von England und Frankreich aus.

Überall, auch in Frankenstein mussten die jüngeren Männer zur "Musterung" und wurden zur Wehrmacht "eingezogen". Auch Autos wurden eingezogen und viele Pferde. Nur "kriegswichtige" Autos durften weiter gefahren werden, alle anderen wurden stillgelegt, z. B. die Reifen abmontiert.

Das Schlimmste aber war der Abschied von Männern, Vätern, Söhnen. Die Älteren erinnerten sich noch zu gut an den 1. Weltkrieg, wie viele waren da nicht zurückgekehrt!

Und dann hörte man von den schrecklichen Morden der Polen an hunderten Deutschen sonntags nach dem Kirchgang in Bromberg. Es war der Sonntag der als "Bromberger Blutsonntag" in die Geschichte einging.

Ende September nahmen die deutschen Truppen Warschau ein.

Ostpolen wurde von Sowjet-Truppen besetzt. Ein Friedensangebot der Deutschen im Oktober an England und Frankreich wurde von beiden abgelehnt.

Zuhause in Frankenstein mussten schon längst Familien über den "Heldentod" von Angehörigen, Söhnen, Ehegatten und Väter trauern. Wie würde das weitergehen? Noch lief ja alles einigermaßen normal, sicher, es gab nicht mehr alles zu kaufen. Lebensmittel wurden rationiert, es gab "Lebensmittelkarten", doch es reichte noch gut zum Leben. Für andere Waren, wie Schuhe, gab es dann "Bezugscheine". Unter der arbeitenden Bevölkerung fehlten die Arbeitskräfte der im Krieg befindlichen Männer. Die Frauen mussten einspringen, in der Landwirtschaft, in Krankenhäusern, in der Industrie, besonders in der auf Hochtouren laufenden Rüstungsindustrie, überall.

Im April 1940 besetzten deutsche Truppen Dänemark und Norwegen, so konnte man den Zugang zur Ostsee kontrollieren. Im Mai und Juni ging es gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich. Noch im Mai kapitulierten Belgien und die Niederlande. Im Juni 1940 trat Italien unter Mussolini an Hitlers Seite in den Krieg ein. In Frankreich kamen die deutschen Truppen schnell voran. Bei Dünkirchen wurde die britische Armee eingeschlossen. Sie entging der Vernichtung nur durch schnellen Abtransport zurück nach England. In den Kreis Frankenstein kamen französische Kriegsgefangene. Sie wurden zur Arbeit eingesetzt, besonders auch in den Dörfern zur Landarbeit.

Am 12. 6. 40 besetzte das deutsche Militär Paris, das kampflos den Deutschen übergeben worden war.

Über die Champs Elysée am Triumphbogen vorbei wurde eine Parade abgehalten. General Sinnhuber befehligte die schlesische 28. Infanteriedivision zu der die beiden Schweidnitzer Regimenter AR 28 und IR 7 gehörten. Mit diesen seinen Soldaten zu denen sicher auch Frankensteiner gehörten, führte Sinnhuber die Parade an. Bevor General Sinnhuber seine Division zum Vorbeimarsch bei den Oberfehlshabern meldete, schwenkte er mit seinem Pferd zum Grabmal des Unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen, verhielt dort einen Moment und ehrte den toten Gegner mit militärischem Gruß. Erst nach diesem feierlichen Akt führte er seine schlesische Division an den Vorgesetzten vorbei. (36 Jahre später am 14. 7. 1976, dem französischen Nationalfeiertag, wurde dem General a. D. Johann Sinnhuber von den Frontkämpfern Ostfrankreich in Würdigung seiner und seiner schlesischen Soldaten die Goldene Ehrennadel verliehen).

Auch zuhause waren die Zeitungen voll vom Einmarsch in Paris. Am 21. 6. wurde durch die Franzosen der Waffenstillstand unterzeichnet.

Für die restlichen Juden in Deutschland war der Kriegsbeginn lebensbedrohend. Juden mußten einen gelben "Judenstern" auf der Brust tragen, auch in Frankenstein. Sie verschwanden bald gänzlich aus dem Stadtbild. Die Bevölkerung beruhigte sich mit der Meinung, sie werden wohl über die neutrale Schweiz ausgewandert sein. Von den nächtlichen Aktionen der Nazi bemerkte kaum jemand etwas. Und wer etwas merkte schwieg, denn manch einer war schon von den Nazi nur wegen Kritik an "Adolf dem Großen" für Monate in ein KZ gekommen. Leider gab es auch in Frankenstein Denunzianten. Wer aus einem KZ zurück kam, der zog es vor, zu schweigen über das dort erlebte.

Immer mehr machte sich das Fehlen der im Krieg befindlichen Männer bemerkbar. Die fehlenden Arbeitskräfte wurden jetzt durch "Fremdarbeiter" ersetzt. Firmen und Bauern konnten Anträge stellen auf Zuteilung solcher Arbeitskräfte. Vom Arbeitsamt Strehlen wurden diese aus dem Osten stammenden jungen Leute zur Arbeitsamt-Nebenstelle Frankenstein gebracht. Dort konnten dann die "Fremdarbeiter" abgeholt werden. Ein Bauer aus Protzan holte z. B. im Sommer 1940 drei junge Mädchen ab, Polinnen und Ukrainerinnen, eine für sich und zwei für andere Bauern in Protzan. Beim Amtsvorsteher wurden sie registriert und den Bauern zugeteilt, die dann monatlich eine Art Sozial-Abgabe beim Amtsvorsteher zu zahlen hatten.

Den ganzen Sommer über hatten deutsche Flieger in England besonders über den Dockanlagen von London Bomben abgeworfen. Göring wollte großspurig den "Luftkrieg" über England gewinnen. Die Engländer hatten die ersten Bomben über Köln am 13. Mai abgeworfen. Im November flogen 454 deutsche Bomber einen Angriff auf englische Industriestädte wie Liverpool, Southampton usw. . Die Nutzlast der Bomber war noch sehr beschränkt und sie litten wie die begleitenden Jäger an Spritmangel. Im Radio hörten die Frankensteiner davon und immer erklang das Lied: "Bomben, Bomben, Bomben auf Engeland....." Doch immer mehr deutsche Piloten stürzten in Görings Luftkrieg gegen England ab. Die Engländer nutzten zur Abwehr Radar und Churchill ließ sich durch Zerstörungen und Tote in englischen Städten nicht beeindrucken. Er lehnte angebotene Friedensverhandlungen ab. Mitte November hörten auch die Frankensteiner im Radio vom deutschen Bombenangriff auf die englische Industriestadt Coventry. Seit drei Monaten waren immer wieder britische Bomben auf deutsche Städte abgeworfen worden. Jetzt am 15. 11. 1940 waren die Motorenwerke in der Innenstadt von Coventry zum Ziel deutscher Bomben geworden. Von den deutschen Piloten unbeabsichtigt traf eine Fallschirmmine die schöne Kathedrale von Coventry. In der Innenstadt von Coventry kam es zu großen Bränden. Goebbels sprach daraufhin zynisch von "coventrieren" wenn er "dem Erdboden gleich machen" meinte.

Am 22. 6. 1941 begann Hitler den Krieg gegen Sowjet-Russland. Die Sowjet-Armee traf das unvorbereitet, sie war nicht auf Defensive eingestellt. Stalin war wohl noch in Vorbereitung einer Offensive, die möglichst schnell bis Frankreich vorstoßen sollte. So war man völlig überrumpelt und es kam zu einem schnellen Vormarsch der deutschen Truppen. Bald wurde Leningrad eingeschlossen, das frühere St. Petersburg. Am 21. Juli stand man bei Kiew. Die deutschen Truppen kamen schnell gen Osten voran. Doch im frühen Herbst schon kam die für die deutschen Soldaten ungewohnte "Schlammperiode". Schwere Fahrzeuge, mit Pferden bespannte Artillerie, die Landser mit ihren Stiefeln alles blieb im Schlamm stecken. Noch schlimmer wurde es für sie im russischen Winter mit der ungewohnten Kälte und eisigen Schneestürmen. In der Heimat zeigte im Kino die "Wochenschau", welche immer als Vorspann zum Hauptfilm lief, erdrückend diese Bilder neben denen der "Siege".

In Russland an der "Ostfront" gab es nicht nur Verwundungen durch die Kämpfe, es gab auch scheußliche Erfrierungen. Vieles wurde in "Feldpostbriefen" in die Heimat berichtet, doch wie schwer das alles wirklich war, verschwiegen die meisten Soldaten ihren Angehörigen daheim.

Es kamen viele Verwundete, besonders Schwerverwundete, viele mit Amputationen, in die Krankenhäuser in der Heimat. Die reichten bald nicht mehr aus. In Frankenstein wurde das Mädchen-Lyzeum zum Lazarett umfunktioniert. In Nordafrika nach der Niederlage der Italiener hatte im November Rommel mit seinem Afrikakorps bei Tobruk die Briten eingeschlossen und stieß weiter nach Osten vor. Das Ziel war der Suezkanal um dort die Durchfahrt der feindlichen Schiffe zu verhindern. Auch in Afrika kämpften Männer aus Frankenstein.

Da geschah am 7. Dezember 1941 im fernen Pazifik auf Hawaii in Pearl Harbour, dem Perlenhafen, wieder etwas weittragendes. Die Japaner zerstörten die US-Kriegsflotte. Präsident F. D. Roosevelt ließ das geschehen obwohl er von dem geplanten Überfall wusste (man hatte einen Code knacken können). Jetzt konnte er das vorher widerstrebende amerikanische Volk in den Krieg gegen Japan führen.

Durch die amerikanische Kriegserklärung gegen Japan wurden die Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens gegen die USA ausgelöst.

In Frankenstein ahnten viele ältere Menschen was das zu bedeuten hatte, zu sehr erinnerten sie sich an den Ausgang des 1. Weltkrieges durch den damaligen späten Kriegsbeitritt der USA.


Was man nicht wusste, dass um diese Zeit die in London amtierende polnische Exilregierung unter Ministerpräsident Sikorski erste Pläne für die künftigen Grenzen Polens entwickelte. Danach sollte das Gebiet zwischen Oder und westlicher Neisse für unbefristete Zeit militärisch besetzt werden.

In Frankenstein packte man für Weihnachten überall liebevoll "Feldpostpäckchen" für seine Angehörigen an der Front, die das Fest in Bunkern und Schützengräben erleben mussten. Die Angehörigen, die als Soldat das Glück hatten in Frankreich zu sein, hatten es ja im Vergleich gut, manche lebten wirklich wie "Gott in Frankreich" und konnten selbst Päckchen in die Heimat senden.

Der russische Winter und wachsender Widerstand der Russen verhinderten einen raschen Vorstoß auf Moskau und eine schnelle Entscheidung des Krieges. 1942 gab es zwei Vorstöße der Sowjet-Russen: auf die Krim im Januar der im Mai bei Kertsch mit deutschem Sieg endete, und der zweite im Mai bei Charkow der auch zurückgeschlagen wurde. Dann gab es einen deutschen Vorstoß zum Don im Juni und zu den Ölfeldern bei Maikop im August. Deutschland brauchte dringend Erdöl für die Wirtschaft, besonders die Kriegswirtschaft. Nordsee-Öl war ja damals noch nicht erbohrt.

Rommel stand in Nordafrika im Juli 1942 bei El Alamein. Die ägyptischen Städte Alexandria und Kairo waren bedroht. Ein britischer Gegenangriff warf ihn zurück.

Im Osten führte die Sommeroffensive die deutschen Truppen bis südlich des Don, bis Stalingrad wo es schwere Kämpfe gab. Durch die sowjetische Winteroffensive wurde Stalingrad mit der 6. Armee unter Paulus von den Russen eingeschlossen. Im Februar 1943 kapitulierte Paulus mit etwa 200 000 Mann, welche die entsetzlichen Straßenschlachten überlebt hatten. Auch von ihnen sahen nur wenige die Heimat wieder. Die meisten starben in Sibirien im sowjetischen GULAG. Es waren auch viele Frankensteiner dabei. In den langen Listen der im Krieg gefallenen Frankensteiner liest man hinter manchem Namen, gefallen in Stalingrad oder vermisst in Stalingrad...

Vor und nach ihrem Kriegseintritt unterstützten die USA die Feinde der Deutschen. Allein Sowjet-Russland erhielt von den USA u. a. 8.800 Flugzeuge, 5.200 Kampfwagen, 256.000 motorisierte Fahrzeuge, 2½ Millionen Tonnen Lebensmittel und 1½ Millionen Tonnen Stahl.

Im deutschen Reich mussten in der Rüstungsindustrie und überhaupt zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft immer mehr "Fremdarbeiter" eingesetzt werden. Kriegsgefangene und zivile Männer und Frauen besonders aus dem Osten wurden eingesetzt als Ersatz für die Deutschen, welche Tag und Nacht an den Kriegsfronten dem Tod ins Auge sahen. Doch nicht nur die Soldaten sahen dauernd dem Tod ins Auge. Im Sommer 1941 hatte der planmäßige Luftkrieg, der Bombenterror auf die deutschen Städte, begonnen. Hier lebten die Menschen, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Leute, dauernd in Angst vor den Bomben der Alliierten. Hamburg war in Phosphorbränden vernichtet worden, Aachen, Köln nirgends konnte die deutsche Zivilbevölkerung mehr ruhig schlafen. Sie lebte mehr oder weniger in den "Luftschutzkellern". Das ging jetzt schon Jahre so. Da war das noch in Ruhe liegende Schlesien zum "Luftschutzkeller Deutschlands" geworden. Auch in Stadt und Kreis Frankenstein wurden viele Familien, Frauen mit Kindern, als so genannte "Evakuierte" aus westdeutschen Städten untergebracht. In Frankenstein hatte wohl auch mancher anfangs auf Landkarten mit Fähnchen oder Nadeln die siegreich vorangehenden deutschen Fronten abgesteckt. Nach der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943 wurde das anders.

Jetzt sah man im Kino in der "Wochenschau" vor den schönen UFA-Filmen mit Ilse Werner, Christina Söderbaum, Willy Birgel oder Rene Deltgen, fast nur noch Bilder vom "siegreichen" Rückzug, denn die deutsche Verteidigung im Osten war so geschwächt, dass die Vorstöße der Russen nur verzögert werden konnten. Zuhause wurden immer mehr auch ältere Männer zur Wehrmacht eingezogen. Auf die Lebensmittelkarten gab es immer weniger zu kaufen, es gab Schuhe mit Holzsohlen da Leder fehlte und Heizmaterial, Kohlen, wurde knapp. Auf Plakaten sah man überall den "Kohlenklau" zu sparsamem Umgang mit Energie mahnen. Das schlimmste aber war, es gab immer mehr tote Angehörige zu beklagen.

Im Sommer 1943 landeten die Alliierten auf der italienischen Insel Sizilien und am
3. September kapitulierten die Italiener. Für die Deutschen gab es eine neue Kriegsfront im Süden. Wie in Russland litten die deutschen Soldaten jetzt auch in Italien unter Partisanen. Auch aus Frankenstein Stadt und Kreis kamen Männer durch die Partisanen um. Aus Russland erhielt eine Familie in Groß Olbersdorf mit der Nachricht über den "Heldentod" des einzigen Sohnes seinen angefangenen Brief an die Eltern und die Mitteilung wie er starb. Er war über dem Schreiben des Briefes im Bunker sitzend, hinterrücks von Partisanen erstochen worden, die vorher auch die wachehaltenden Kameraden auf die gleiche Weise ermordet hatten. Solche Partisanenüberfälle auf deutsche Soldaten lösten meistens dann eine blutige Rache an Unschuldigen aus, weil sich die wirklich Schuldigen aus Feigheit nicht meldeten. Partisanen wurden aber von jeher in allen Heeren geächtet. Allerdings, dass öfters noch im 20. Jahrhundert grausame Geiselerschießungen nach der altrömischen Formel 1:10 vorgenommen wurden, ist und bleibt unverzeihlich.

Im Herbst 1943 wurde im neutralen Schweden wieder einem Schlesier ein Nobelpreis für Chemie verliehen: Friedrich Bergius, 1884 in Breslau geboren. Er würde seinen Preis aber erst nach dem Krieg entgegennehmen können, so las man auch in Frankenstein in der Zeitung.

Im Sommer 1944 am 4. Juni wurde Rom kampflos von den Deutschen geräumt. Die Alliierten konnten die herrliche Stadt unzerstört besetzen.

Am 6. Juni begann an der Küste der Normandie die "Invasion". Die Alliierten waren gelandet und konnten nicht mehr zurückgeschlagen werden. Am 20. 7. 1944 scheiterte das Attentat auf Hitler. Durch alle Lautsprecher ging die Nachricht von der "göttlichen Fügung", der "Vorsehung", die den "Führer" gerettet habe, dass er nur leicht verletzt überlebt hatte und der Attentäter Graf von Stauffenberg festgenommen werden konnte. Auch in Frankenstein waren manche begeistert über des "Führers" Rettung, die meisten aber, die weiterblickenden, nahmen die Nachricht mit sehr gemischten Gefühlen auf. Damals wusste kaum einer, dass dieses Attentat ganz in der Nähe von Frankenstein auf dem Gut der Grafen von Moltke in Kreisau bei Schweidnitz geplant wurde.

Am 24. 8. waren die Alliierten schon bis Paris vorgedrungen. Der Schlesier-General von Choltitz, der letzte Kommandant von Paris übergab gegen Hitlers Befehl, sein Leben riskierend, die Stadt kampflos und ohne Zerstörungen den alliierten Truppen. Paris war wie Rom gerettet.

Im Osten waren inzwischen die Russen bis Warschau an die Weichsel vorgedrungen. Die Polen wollten die Ehre Warschau erobert zu haben, den Russen nicht allein überlassen. So kam es Anfang August in Warschau zu ihrem Aufstand, wobei sie mit baldiger Hilfe der Sowjets rechneten. Sie hofften vergeblich, die russischen Truppen rührten sich nicht. Von jenseits der Weichsel sahen sie zu, wie der Aufstand der Polen von den Deutschen in den Monaten August und September blutig niedergeschlagen wurde.

In den Sommerferien 1944 begann man in Breslau Schulen zu schließen und die Schüler zu evakuieren, z. B. in Verwaltungs-Flügel des Schlosses in Oels. Darum kamen jetzt auch Kinder aus Breslau zu Verwandten in den Kreis Frankenstein und besuchten nach den Ferien die Schulen der Stadt. Viele Jugendliche aus Stadt und Kreis wurden zum Unternehmen "Barthold" (so genannt nach einem schlesischen Landvogt zur Zeit der deutschen Besiedlung) zum "Schippen" herangezogen. Das hieß an den nördlichen Grenzen Schlesiens Schützen- und Panzergräben ausheben. Es war sehr hart für die 15-16jährigen Jungen und Mädchen monatelang in primitiven Lagern und Unterkünften zu hausen und an der Grenze zu Polen körperliche Schwerstarbeit zu leisten. Erst im Dezember sollten die letzten wieder zuhause sein.

Im August wurde die alte preußische Krönungsstadt Königsberg in Ostpreußen durch Bomben zerstört. Doch Anfang September keimte auch unter den Frankensteinern etwas Hoffnung auf, hatten nicht Hitler und seine Parteigrößen wie Goebbels immer von "Wunderwaffen" gefaselt?

Am 8. 9. 1944 war die erste V2-Rakete auf London abgeschossen worden. Sollte es wirklich mit der "Wunderwaffe", an die niemand mehr geglaubt hatte, zu einer Änderung der mittlerweile verzweifelten Lage kommen? Doch die "Wunderwaffen" V1 und V2 konnten Deutschland nicht mehr zum Sieg verhelfen. Wer aber konnte damals ahnen, dass 25 Jahre später die in alle Welt vertriebenen Frankensteiner erleben würden, wie die Weiterentwicklung der "Wunderwaffe" aus Peenemünde den US-Amerikanern zu ihrem Sieg im Wettlauf zum Mond verhelfen würde, daß sie am 24. 7. 1969 auf dem Mond ihr Sternenbanner aufstellen würden?

Unter großen Sorgen hatte man im Kreis Frankenstein die Getreide- und die Kartoffelernte eingebracht. Man erwartete einen schweren Winter und bangte überall um seine Angehörigen an den vielen immer mehr zusammenbrechenden Fronten im Osten, Süden und Westen.

Am 16. Oktober begannen die Sowjets mit ihrer Großoffensive gegen die Ostgrenze von Ostpreußen. Vier Tage später am 20./21. 10 erreichte die Rote Armee dort das deutsche Nemmersdorf. Als das Dorf von deutschen Soldaten kurz danach zurückerobert wurde, bot sich ihnen ein schreckliches Bild, vergewaltigte Frauen, Kinder, Greise und Säuglinge bestialisch umgebracht. Besonders die Hetze des sowjetischen Journalisten und Schriftstellers Ilja Ehrenburg zeigte hier und künftig entsetzliche Auswirkungen. Ehrenburg hetzte in Zeitungen und Flugblättern: "wenn du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten - für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle nicht die Kilometer, zähle nur eines, die von uns getöteten Deutschen! Töte den Deutschen."...

In Ostpreußen begann die große Flucht.

In Schlesien und Frankenstein feierte man das letzte relativ friedliche Weihnachtsfest.

Der Jahreswechsel 1944 zum Jahr 1945 folgte und stand ganz unter der bangen Frage, was wird das Jahr 1945 bringen?

Das Jahr 1945 beginnt, der 2. Weltkrieg nähert sich seinem Ende.

Ab 12. Januar griffen die Sowjets weiter Ostpreußen an, in Schlesien Marschall Konjew die Stadt Breslau. Am 19. 1. erreichte die Rote Armee oberschlesischen Boden bei Preußisch Herby/Lublinitz. Die Mittelfront wurde aufgebrochen, so dass die noch von Deutschen besetzen Gebiete in Polen durch die Rote Armee eingenommen werden konnten. Über Breslau fällt Mitte Januar die Entscheidung, Breslau wird Festung. Es beginnt die Evakuierung von Frauen und Kindern. Tausende strömen zu den Breslauer Bahnhöfen um noch Züge zu erreichen. Der Fahrplan brach zusammen. Das wirkte sich auch auf den Bahnverkehr in Frankenstein aus. Mit letzten Eisenbahnzügen konnten manche aus Breslau das verschneite Gebirge erreichen, manche bei Verwandten unterkommen, so auch im Kreis Frankenstein. Andere versuchten in den Westen zu gelangen. Auch die wegen des Bombenterrors aus dem Westen nach Schlesien evakuierten Frauen mit ihren Kindern versuchten schnellstens Schlesien zu verlassen, lieber den Bomben der Alliierten ausgesetzt sein, als in die Hände der Russen fallen! Für sie war es beruhigend, dass an den westdeutschen Grenzen die West-Alliierten standen.

Im Winter in größter Kälte zogen die Planwagen der Trecks in Ostpreußen, wenn sie nicht schon vorher durch vorrückende russische Panzer zermalmt worden waren, über das Eis des kurischen Haffs. Aus Breslau zogen jetzt lange Kolonnen Frauen und Kinder mit Handwägelchen oder Rodelschlitten durch Schneewehen bei eisiger Kälte zu Fuß über die Landstraßen westwärts. Es gab keine Transportmittel mehr. Viele Mütter merkten nicht, dass ihr Kind in ihrem Arm längst erfroren war. Auch durch Frankenstein kamen Trecks aus Oberschlesien, rasteten nachts bei Bauern im Kreis, Frauen, Kinder, alte Leute mit ihrer Habe auf Pferdewagen. Sie trugen noch die Hoffnung, dass sie in einigen Wochen wieder daheim sein würden. Und dann zog noch eine andere Kolonne durch Frankenstein und machte den Frankensteinern das Elend der KZ deutlich. KZ-Insassen, ausgemergelte, frierende Männer in dünnen, gestreiften Anzügen angeblich vom Lager Heydebreck in Oberschlesien kamen sie zu Fuß aus Richtung Patschkau. In Schrom oder Reichenau sollten sie in einer Scheune übernachtet haben. Über Kamenz durch Frankenstein wurden sie über Protzan und Dittmannsdorf weiter getrieben. Die Bewacher trieben sie erbarmungslos vorwärts, viele Tote blieben an den Straßenrändern liegen. Für die Bevölkerung, die tatenlos zusehen musste, höchstens durch Zuwerfen von Brotstücken etwas helfen konnte, eine schreckliche Erkenntnis. Das war es also, von dem Wissende oder nur Ahnungsvolle nicht zu reden gewagt hatten...

Die Russen standen nicht weit von der nord-östl. Grenze Schlesiens bei Oswiecim/Auschwitz in Polen. Am 27. 1. 45 befreiten sie die Überlebenden des KZ Auschwitz und fanden Berge von Leichen. Bilder dieses Grauens gingen um die Welt. Nur in Nazi-Deutschland konnte sie keiner sehen. Den Sowjet-Russen erschien ihr Hass auf die Deutschen jetzt besonders gerechtfertigt. Aber von den Frauen und Kindern in Schlesien und Frankenstein, die dieser Hass später so furchtbar traf, wußte keines etwas von dem unvorstellbaren, entsetzlichen Geschehen im KZ Auschwitz.

Am gleichen Tag 27. 1. 1945 kam aus Breslau, das zur Festung erklärt worden war, Herr Paul Karger zurück nach Frankenstein. Er war bevor er nach Breslau versetzt worden war, am Amtsgericht in Frankenstein tätig gewesen. Paul Karger, obwohl unter Aufsicht des SD (Sicherheitsdienst) der Nazi gestellt, nahm Kontakt auf zu Erzpriester Wittig, versicherte sich der Meinung des Landrates Dr. Ercklentz und plante die Aufstellung einer Kampfgruppe zwecks Vertreibung der Nazi.

Am 30. Januar gab es eine neue Schreckensmeldung. Das ehemalige KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff" war durch einen russischen Torpedo mit tausenden Flüchtlingen an Bord in der Ostsee versenkt worden. Am 9. Februar wurde die mit 3.000 Flüchtlingen und Verwundeten völlig überladene "Steuben" ebenso in der Ostsee versenkt.

Die Katastrophenmeldungen häuften sich. Wer konnte, hörte auch in Frankenstein den "Feindsender" BBC, und Lale Andersen sang für alle Soldaten "Vor der Kaserne vor dem großen Tor..."

Jetzt wurden noch alle verfügbaren Männer jeglichen Alters, auch 16 Jährige zum "Volkssturm" eingezogen. Dieser wurde in der Zuckerfabrik in Zadel "kaserniert".

Neue schreckliche Nachricht kam von Dresden. Die Alliierten hatten am 13. Februar die wunderschöne Stadt, das deutsche Elb-Florenz, mit ihrem Bombenterror zerstört. Zahllose Menschen waren zu Aschehäufchen verbrannt. 250.000 Tote mussten nach Berlin gemeldet werden, nur 30.000 konnte man identifizieren!

In der Innenstadt von Dresden hatte es keine kriegswichtigen Motorenwerke gegeben wie im englischen Coventry, in Dresden gab es tausende Flüchtlinge aus Schlesien...

Die Sowjets hatten das oberschlesische Industriegebiet besetzt und waren bis zur Glatzer Neisse vorgedrungen. Die Stadt Neisse war auch zur Festung erklärt worden und wurde jetzt von den deutschen Soldaten hart verteidigt. Am 8. Februar waren die Sowjets von ihren Oderbrückenköpfen bei Brieg und Steinau erneut zum Vorstoß angetreten. Die deutschen Truppen südlich von Breslau mussten sich in Richtung Zobten zurückziehen. Die Stadt Breslau hatten etwa 700.000 Menschen verlassen müssen, aber ca. 200.000 waren geblieben. Jetzt am 15. Februar wurde Breslau mit ihnen von der Roten Armee eingeschlossen. In Frankenstein hörte man je nach Wetterlage das Dröhnen und Donnern der Geschütze entweder aus Richtung Breslau oder von Neisse. Die Angst war zum ständigen Begleiter der Menschen geworden. In der Stadt Frankenstein hatte man in den Ausfallstraßen aus dicken Baumstämmen "Panzersperren" errichtet. Dort kontrollierte die Militärpolizei, die wegen der auf der Brust getragenen an einer Kette um den Hals hängenden Erkennungsplatte "Kettenhunde" genannt wurde, die Papiere der durchfahrenden Wehrmachtsfahrzeuge.

Mit den ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen begann endlich der Schnee zu schmelzen. Am 7. März wurde Kolberg in Pommern von den Russen eingeschlossen, die Rote Armee stieß auch dort zur Oder vor.

Am 14.März 1945 übernahm Polen die Gebietshoheit über die bereits besetzten deutschen Ostgebiete. Doch davon wusste man in Frankenstein und sonst in Schlesien nichts. Das Verhängnis nahm weiter seinen Lauf.

Was man aber aus dem Radio hörte, die alliierten Bomber hatten am 16. März die herrliche Innenstadt von Würzburg in Trümmer gelegt. Die Innenstadt von Würzburg mit ihren Kunstschätzen ein kriegswichtiges Ziel? War nicht für die Alliierten der Krieg längst entschieden?

Was die Frankensteiner und die eingeschlossenen Breslauer auch nicht wußten, am
24. 3. 1945 wurde der Pole Dr. Boleslaw Drobner zum Stadtpräsidenten (Oberbürgermeister ) von Breslau ernannt!

Am 29. März erreichten die Russen die Odermündung bei Stettin und in Breslau wurde um jeden Häuserblock gekämpft. In Breslau ließ der Nazi-Gauleiter Hanke von den in der Stadt verbliebenen Frauen und 10jährigen Kindern unter Feindbeschuss eine Rollbahn bauen von der kein Mensch mehr ausgeflogen wurde. Das sollte nur ihm vorbehalten sein.

Ende März war die 2. Polnische Armee unter General Karol Swierczewski in die Gegend nördlich von Breslau vorgerückt. Sie sollte sich dort an den Kämpfen beteiligen, wurde dann aber an die Neisse befehligt. An Ostern 1. und 2. April warfen hunderte von Flugzeugen mehrere tausend Bomben auf das Stadtgebiet von Breslau. Die schlimmste Bombardierung war die am Ostermontag als sich die eingeschlossenen Breslauer in den Kirchen auf der Dominsel zum Gottesdienst befanden. Die abgeworfenen Phosphorbomben verursachten eine Feuersbrunst, die die ganze Stadt ergriff.

Doch wer erfuhr davon in Frankenstein etwas? Von Breslau kamen ja kaum noch Nachrichten.

In Frankenstein wurde in den Ostergottesdiensten heiß gebetet.

Am 16.April wird ein drittes mit Flüchtlingen aus Ostpreußen überladenes Schiff in der Ostsee versenkt, die "Goya". Von 6.385 an Bord gewesenen Flüchtlingen konnten nur 165 gerettet werden. Der einstige Untergang der "Titanic" war nichts gegen diese Katastrophe!

Am 20. April, Ironie der Geschichte es war Hitlers Geburtstag, war im bereits von den Russen besetzten Trebnitz die erste Verwaltungsgruppe des "Bevollmächtigten der polnischen Regierung im Raum Niederschlesien" angekommen. Trebnitz wurde zum Sitz der polnischen Behörden gewählt, ausgerechnet die Stadt der Hl.  Hedwig von Andechs!

Am 25. April trafen sich amerikanische und sowjetische Truppen bei Torgau an der Elbe.

Fünf Tage später, am 30. 4. 1945, starb Adolf Hitler mit seiner ihm kurz vorher angetrauten Ehefrau Eva Braun im Bunker der Reichskanzlei durch Selbstmord. Der Mann, der sich als angeblich von der "Vorsehung" zum "Führer" berufen, an die Spitze Deutschlands gesetzt hatte, hatte Deutschland in eine schreckliche Katastrophe geführt. Der Verantwortung hat er sich entzogen...

Am 2. Mai, in Breslau tobten noch letzte Kämpfe, kapitulierten die tapferen Verteidiger in Berlin.

Die siegreichen Sowjet-Soldaten konnten auf dem deutschen Reichstag ihre Flagge hissen.

In Frankenstein hoffte man auf ein baldiges Ende des Krieges, sah ihm aber mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.
Hatte man nicht immer gesagt: "Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende?"

Am Morgen des 6. 5. floh Nazi-Gauleiter Hanke mit dem Flugzeug des General Niehoff über die beim Bau mit dem Blut von Frauen und Kindern getränkte Rollbahn aus der Festung Breslau.

Am Abend des gleichen Tages, 6. Mai 1945, unterschrieb General Niehoff in der Villa "Colonia" an der Kaiser-Friedrich-Straße die Kapitulation. Breslau stand den Sowjet-Soldaten und den Polen offen. Offen stand ihnen auch der Weg nach Frankenstein, denn überall in Schlesien war der Widerstand der deutschen Soldaten jetzt gebrochen.

In Frankenstein trafen sich an diesem Sonntag Paul Karger, Erzpriester Wittig (Stadtpfarrer von Frankenstein), Pfarrer Kurnoth (von Zadel) und Pfarrer Fritsch (von Tarnau) zu einer Beratung auf dem Friedhof in der Wohnung des Totengräbers Kabierschke, dazu war noch Rektor Hoinkis gekommen. Hier kam man überein, den Kampfkommandanten der Wehrmacht aufzusuchen und diesen zur Übergabe der Stadt zu bewegen. Der Kampfkommandant war zwar einverstanden aber nicht allein zuständig. Er verwies die Herren an den Ortskommandanten Graf Strachwitz. Da man diesen nicht erreichte, konnten die Verhandlungen mit Graf Strachwitz erst am nächsten Tag erfolgen. Auch Graf Strachwitz war bereit, es sollte aber die Bevölkerung von Frankenstein zu einer Versammlung gerufen werden. Die fand schon am Nachmittag statt. Auch Landrat Dr. Ercklentz erschien. Graf Strachwitz wurde zum neuen Landrat gewählt und Paul Karger zum Stellvertreter und neuen Bürgermeister von Frankenstein. Der abgewählte Landrat Dr. Ercklentz verabschiedete sich und der neue und letzte Bürgermeister von Frankenstein Paul Karger begab sich zum Rathaus, wo er auf dem Turm die weiße Fahne hissen ließ. Es war der 7. Mai 1945. (nach Paul Karger, Frankenst. Heimatbrief Nr. 7/70)

Die deutschen Soldaten befanden sich auf panischem Rückzug. Dauernd donnerten ihre Fahrzeuge durch die engen Straßen von Frankenstein. Die Bevölkerung erwartete mit Angst das Kommen der russischen Soldaten. Man wusste ja was das bedeutete, Plünderung, Vergewaltigung, Mord!

Man versteckte Wertsachen und mancher überlegte, ob es sich noch lohne wenigstens ins Gebirge mit seinen Wäldern zu fliehen.

Über der Stadt und den Dörfern lag eine drückende, beunruhigende Spannung. Der Krieg war doch bisher am Frankensteiner Land fast vorbeigegangen, von ein paar russischen Tieffliegern abgesehen, die im Umland auf Menschen im freien Feld geschossen hatten. Die Wehrmacht hatte im Norden Breslau verteidigt, im Osten die Stadt Neisse. Der hauptsächliche Vorstoß der Russen hatte sich auf Berlin gerichtet. In Frankenstein hatte es bisher keinerlei Kämpfe gegeben, nichts rein gar nichts war zerstört worden. Doch was würde jetzt kommen? Von Teheran und Jalta wusste niemand etwas, und was dort drei Männer über das Nachkriegs-Schicksal Deutschlands beschlossen hatten. Drei Männer, Stalin der weiter die Herrschaft des Bolschewismus über ganz Europa anstrebte, dann der bereits vom Tod gezeichnete Deutschenhasser Roosevelt und dazu Churchill; Churchill, der Verantwortliche für den Bombenterror auf deutsche Städte, der aber nie die Bahngleise zum KZ Auschwitz vernichten ließ, obwohl diese oft von alliierten Bombern überflogen wurden. Niemand bei uns wußte vom Streichhölzchenspiel dieses Mannes, mit dem er neue Grenzen auch für Deutschlands Osten zog. Denn Stalin bestand auf seiner Rücknahme der Gebiete von Ukraine, Weißrussland und dazu Litauen, all dessen was sich einst Polen nach dem 1. Weltkrieg kriegerisch erobert und einverleibt hatte. So wußte man natürlich in Frankenstein auch nicht, dass die Polen mit deutschem Land entschädigt werden sollten.

Jetzt am 7. Mai erwartete man in Frankenstein mit bangen Herzen das Kommen der siegreichen Roten Armee. Nachdem Bürgermeister Karger auf dem Turm des Rathauses die weiße Fahne hatte aufziehen lassen, hatten die Frankensteiner überall aus ihren Fenstern Bett-Tücher als weiße Fahnen gehängt. Verstreute, letzte deutsche Einheiten hatten sich nach Süden ins Gebirge zurückgezogen. In Wartha sprengte eine SS-Einheit noch die schöne alte Brücke. Aus der Umgebung von Frankenstein waren nur nur vereinzelte Schüsse zu hören. In Frankenstein befand sich noch ein Sprengkommando, dem Bürgermeister Karger die Anordnung gab, ohne Sprengungen abzurücken. Die Soldaten waren froh, daß sie mit einem gestempelten Papier fortgehen konnten. Ab der Mittagszeit erwartete Paul Karger die Russen. Aber erst am späten Abend konnte er die Stadt dem russischen Kommandanten übergeben.

In der Nacht vom 7. zum 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht, bedingungslos, wie gefordert...

Chronik Teil 9