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Jetzt waren sie da, die Russen. Von Norden waren sie gekommen über die alte Königsstraße, die schon in den Jahrhunderten vorher immer wieder zur Heerstraße geworden war. Sie besetzten die völlig intakte Stadt. Die Russen waren da, ab und zu schießend durchforschten sie die Straßen und kamen bald zum Ring. Von deutscher Seite war kein Schuss mehr gefallen. Teile der russischen Einheiten zogen weiter Richtung Süden hinter den letzten deutschen Soldaten her über die Dörfer, über Wartha nach Glatz. Die in der Stadt bleibenden Russen drangen in Häuser und Geschäfte ein unter dem Vorwand, nach deutschen Soldaten zu suchen, besonders nach SS. Sie begannen zu plündern. Schon in den ersten Stunden mussten eine Reihe von Bürgern Häuser oder Wohnungen freimachen für russische Soldaten. In der Nacht feierten die Russen die deutsche Kapitulation, ihren Sieg.

Überall in Geschäften, in Gaststätten, sogar in Apotheken hatten sie nach Alkohol gesucht. Jetzt waren sie völlig betrunken und grölten durch die Stadt. Sie zogen umher und suchten nach Frauen und Mädchen. Es kam zu Vergewaltigungen. In Zadel wurde eine Magd erschossen. Tagelang feierte die Rote Armee den Sieg in ihrem "Vaterländischen Krieg". Die Frankensteiner brachten diese Tage in verbarrikadierten Wohnungen zu. Dennoch kam es immer wieder zu Vergewaltigungen und danach auch zu Selbstmorden der Gepeinigten.

Dann meldete sich der russische Stadtkommandant zu Worte. Es solle in Frankenstein so werden, wie es vor dem 30. 1. 1933, vor Hitler, war. Major Udaletz hatte Bürgermeister Paul Karger zum Bezirksbürgermeister ernannt, damit war Karger Bürgermeister und Landrat des Bezirks, der sich bis einschließlich Münsterberg ausdehnte. In den Dörfern suchten die Sowjet-Russen unter den Deutschen nach alten Kommunisten für das Bürgermeisteramt, egal ob geeignet oder nicht. Schulen und Kindergärten sollten wieder geöffnet werden. Bürgermeister Karger versuchte mit Hilfe des Gutsbesitzers Alexander Volkmer aus Zadel die Ernährung und Versorgung der Bevölkerung zu sichern und Handel und Handwerk zu mobilisieren. Bereits am dritten Tag nach der Kapitulation konnten schon 3000 l Milch für Säuglinge und Kinder zur Verfügung gestellt werden. Hier und da gab es wieder Brot oder Gemüse. Schon nach zwei Wochen lieferten die Bauern wieder 20.000 ltr. Milch an die Molkerei. So konnte die Bevölkerung pro Woche 100 Gramm Butter erhalten.

In Kattowitz, das 1921 trotz Abstimmung mit 85,4% für Deutschland, an Polen gefallen war, forderte der polnische Bischof Adamski am 15. Mai 1945 die Deutschen auf, Schlesien zu verlassen. Am gleichen Tag verlegten die Polen, da Lemberg (330.000 Einwohner) an die Sowjet-Ukraine fiel, die dortige Universität nach Breslau.

Doch davon hörten die Frankensteiner nichts, denn es gab keine deutsche Zeitung und ein Radio besaß man auch nicht mehr. Die Russen hatten angeordnet, dass alle Radios abgegeben werden mussten. Die deutsche Bevölkerung war von der Welt abgeschnitten. Niemand wusste, was etwa in Berlin oder anderswo geschah. Es kam auch keine Post mehr. So wusste auch niemand etwas über das Ergehen seiner Angehörigen, besonders derer die sich noch zuletzt bei der Wehrmacht befanden. Waren sie in russische Gefangenschaft geraten, in anglo-amerikanische oder in Jugoslawien, lebten sie überhaupt noch? Nichts als Ungewissheit! Nur ganz wenige Wehrmachtsangehörige konnten sich, teilweise als Verwundete aus Lazaretten, in die Heimat durchschleppen.

Es war sommerlich heiß geworden in diesem Mai. Wer die Stadt südlich auf Baumgarten zu verließ, der begegnete den von Glatz /Wartha kommenden Kolonnen gefangener deutscher Soldaten. Ihre Bewacher, die Rotarmisten, ritten bewaffnet zwischen den zum Teil verwundeten deutschen Soldaten. Diese schleppten sich in zerfetzten Uniformen, viele ohne Schuhe, nur Lappen um die wunden Füße gewickelt, durstig die Straßen entlang. "Dawei! Dawei!" trieben die Russen sie gen Osten, Richtung Gefangenschaft, Sibirien. Deutsche Zivilisten mussten dann die Straße verlassen, ins Feld über den Straßengraben. Viele Trecks vor den Russen geflohener Deutscher durchquerten auf ihrem Heimweg die Stadt Frankenstein. Von Bürgermeister Karger und seinem getreuen Helfer Bürodirektor Max Krause mussten hunderte von Passierscheinen ausgestellt und von den Sowjets abgestempelt werden.

An einem Tag sah die ganze Hindenburgstraße "märchenhaft" aus, als ob Frau Holle ihre Betten geschüttelt hätte. Überall lagen und flogen geschlissene, weiße Federn umher. Die Russen hatten den Deutschen ihre Federbetten aus den Häusern geholt, die roten Inlett aufgeschlitzt und die Federn auf der Straße ausgeschüttet. (Erlebt und erzählt von Anna Schneider und Martha Vogel, der Ehefrau von Paul Vogel, Kolonialwaren, Hindenburgstrasse 4) An dem Platz am Prinzeneck wo von der Hindenburgstraße die Reichenbacher Straße und die Bahnhofsallee abzweigen, hatten sich nämlich die Russen aus Brettern ein "Ehrenmal" gezimmert. Das wurde mit dem roten Inlett der deutschen Federbetten umkleidet. Obenauf thronte ein Sowjetstern.

In der Stadt und den Dörfern suchten die Sowjets überall nach "Nazis". Wen sie als solchen erkannt zu haben glaubten, den holten sie aus seiner Wohnung und brachten ihn in den Keller des Rathauses. Dort wurden die Deutschen dann tagelangen Verhören unterzogen: "Bist du ein Nazi?" wurde gefragt. "Ja?" So gab es Schläge. Lautete die Antwort der Gepeinigten "nein", dann hieß es: "Du lügst!" dann gab es auch Schläge. Erst Tage später wurden die Gefangenen mit Blutergüssen am ganzen Leib entlassen.

An der Staatsbahn begannen die Russen das zweite Gleis abzubauen. Nazi und solche die dafür gehalten wurden, wie Lehrer usw., mussten die Schienen demontieren. Diese waren nur wenige Jahre vorher durch russische Kriegsgefangene völlig erneuert worden. Jetzt wurden diese Schienen in die Sowjetunion abtransportiert. Trotz allem versuchten die Deutschen das Leben nach dem totalen Zusammenbruch zu normalisieren. Der sowjetische Stadtkommandant tolerierte auch das kirchliche Leben, er gab die Genehmigung zur Abhaltung von Gottesdiensten. Als die Kirchenglocken läuteten schämte er sich nicht seiner Tränen, er hatte das seit Jahren nicht mehr gehört. Pfingsten wurde in den Kirchen fast wie immer gefeiert. An Fronleichnam konnte auch die übliche Prozession um den Ring ziehen. Sie musste nur von Bürgermeister Karger mit den "politischen Leitern" überwacht werden.

In der Schule am Rosenring sollte der Unterricht des Gymnasiums wieder aufgenommen werden. Da die Kleinbahn noch nicht verkehrte, kamen die Schüler aus den Dörfern zu Fuß in die Stadt. Die Bauern draußen bestellten ihre Felder trotz der Angst, dass ihnen russische Soldaten die Pferde ausspannten, was öfter passierte. Ganz besonders beliebt bei den Rotarmisten waren Fahrräder und Uhren. Manche trugen den ganzen Unterarm voll dieser Beutestücke. Die Bauern mussten den größten Teil ihrer Milchkühe abgeben. Die Russen trieben mit Hilfe zwangsverpflichteter Deutscher ganze Herden davon. Auch in den Dörfern lag überall russische "Einquartierung".

Leider wurde der erste, verständnisvolle, russische Stadtkommandant mit seinem Stabe bald von einem anderen abgelöst. Dadurch verschlechterte sich das Leben in der Stadt sehr.

Doch es sollte noch schlimmer werden. Ohne Wissen der betroffenen Deutschen kam Schlesien unter polnische Verwaltung.

Frankenstein wird von den Polen besetzt.

In Frankenstein waren schon am 21. Mai 1945 die ersten Polen zur Übernahme der Verwaltung eingetroffen.

Ohne Wissen der betroffenen Deutschen kam Ende Juni ganz Schlesien unter polnische Verwaltung.

Die deutsche Bevölkerung, von allen Nachrichten abgetrennt, hatte nur gerüchteweise von der Übernahme Schlesiens durch die Polen erfahren. So waren die kommenden Ereignisse auch für die Frankensteiner kaum verständlich.

Ins Rathaus zogen Polen zur Verwaltung ein. Es gab einen polnischen Landrat, der sich ohne Quittung aus der Kreiskasse mit 484.000 RM bediente. Vorher hatten die Russen schon aus der Stadtkasse den Betrag von 125.000 RM genommen. In den Straßen der Stadt tauchte polnische Miliz mit den viereckigen Kappen auf. Im Gasthaus "Zum Elefanten" und in der Zigarrenfabrik Kretschmer richteten sie eine Art von Gefängnis ein mit Verliesen im Keller. Jetzt waren es nicht mehr Russen, jetzt waren es die Polen welche hier deutsche Männer einsperrten und entsetzlichen Verhören und Torturen unterzogen. Besonders nachts gellten ihre Schmerzensschreie aus den Kellern. Am 16. 7. wurden von bewaffneter polnischer Miliz eine Gruppe Männer aus dem Dorf Protzan dorthin getrieben. Schon auf dem Weg waren sie am Gymnasium von Polen schwer geschlagen worden. Auf dem Hof bei der Zigarrenfabrik wurde dann der Lehrer Winkler aus Protzan erschossen. Zwei Tage danach waren in der Stadt rote Plakate angeschlagen worden. Sie enthielten die lügenhafte Behauptung, die Einwohner von Protzan hätten den Anordnungen der polnischen Regierung "bewaffneten" Widerstand entgegengesetzt, wodurch zwei der Schuldigen verwundet wurden und der Lehrer Winkler dabei ums Leben kam. Die Schuldigen seien abgeführt worden und die Bewohner des Dorfes Protzan würden wegen ihres Widerstandes gegen die Polen ausgewiesen! Protzan war wohl das erste Dorf im Kreis, das von den Polen völlig in Besitz genommen werden sollte. Auch in Protzan hatten die Bauern, wie überall im Frankensteiner Kreis mit der Ernte von Gerste und Roggen begonnen. Am Abend des 19. Juli wurden alle Einwohner des Dorfes Protzan mit etwas Gepäck auf ihren Handwagen von schwer bewaffneten Polen nach Frankenstein in die Düngerfabrik zum Übernachten getrieben. Am nächsten Morgen zeitig, unter den Augen der Frankensteiner, die ihren unruhigen Schlaf schon abgebrochen hatten, trieben die Polen in langer Kolonne die etwa 650-700 Personen aus Protzan, Frauen, Kinder, alte Leute von der Düngerfabrik durch die Straßen der Stadt, von Frankenstein in Richtung Zadel, über Kamenz bis Neisse. Das so entvölkerte, verlassene Dorf Protzan war inzwischen von sofort einrückenden Polen Hof für Hof und Haus für Haus mit allem drum und dran in Besitz genommen worden. In der folgenden Nacht brannte die Düngerfabrik.

Anscheinend eine Nacht zu spät...

Eine Woche davor, am 12. 7., hatten es die Russen einer Reihe von Geistlichen unter Pfarrer Kurnoth ermöglicht, an der Beerdigung von Adolf Kardinal Bertram teilzunehmen. Der greise Kardinal von Breslau war auf dem Sommersitz der Breslauer Fürstbischöfe auf Schloß Johannesberg b. Jauernig verstorbenen. Die deutschen Geistlichen konnten in einem Sanitätskraftwagen der Roten Armee über die schlesische Grenze in das jetzt wieder tschechische Gebiet nach Jauernig fahren. Nach dem Tod von Kardinal Bertram wurde die deutsche hohe Geistlichkeit am Dom zu Breslau von dem polnischen Kardinal Hlond zur Niederlegung ihrer Ämter gezwungen. Hlond täuschte ihnen päpstliche Vollmachten vor, die er nicht hatte. Der polnische Kardinal setzte sofort polnische Würdenträger ein, ohne vom Papst dazu ermächtigt zu sein.

Die Eisenbahn und der Bahnhof von Frankenstein waren auch längst von polnischem Bahnpersonal übernommen worden. Die abgesetzten deutschen Bahnbeamten, kriegsbedingt nur ältere 60jährige und ganz junge 16jährige, mussten jetzt draußen in der Rotte Gleisarbeiten verrichten. Eine Familie, die schon 1923 ihre Heimat Posen wegen der Polen verlassen musste und seit 1939 in Frankenstein im Bahnhof wohnte, hatte zwei Töchter eines Kollegen aus Protzan aufgenommen. In zwei Zimmern lebten sie jetzt zusammengedrängt, 10 Personen! Sie konnten beobachten wie die Züge mit den Polen ankamen. Manche brachten eine Kuh mit, die sie an einem Strick zwischen den Gleisen weiden ließen. Diese Polen gehörten wohl zu denen, welche durch die Russen aus dem Raum Lemberg vertrieben worden waren. Denn die Polen von dort durften vieles von ihrem beweglichen Besitz mitnehmen. In Groß Olbersdorf waren solche sogar mit Pferd und Wagen angekommen. Der größte Teil der ankommenden Polen war aber schon lange vorher in ganz Polen zwecks Neubesiedlung der "Wieder gewonnenen Gebiete" angeworben worden.

In den Dörfern des Kreises hatten die Bauern mit der Ernte von Gerste und Roggen begonnen. Immer mehr Polen kamen jetzt in die Stadt und in den Kreis und besetzten die Dörfer, ähnlich wie Protzan. Die Deutschen mussten Häuser und Wohnungen räumen oder wurden in eine Kammer zurückgedrängt.

Die polnische Stadtverwaltung hatte sich etabliert. Behördlich organisierte Gruppen besetzten alle Betriebe der Stadt. Die deutschen Eigentümer wurden entschädigungslos enteignet. Deutsche Mädchen aus Frankenstein mussten auf dem Land bei der Ernte helfen. Da leider die deutschen Landmaschinen die äußerst "kundige", polnische Behandlung durch ihre neuen polnischen "Bauern" nicht aushielten und bald den Geist aufgaben, zog sich die Ernte hin.

Ansonsten bewiesen die Polen ein ungewöhnliches Organisationstalent, sie hatten Frankenstein in wenigen Wochen polnisiert. Frankenstein wurde von ihnen jetzt "Zabkowice" genannt und auch die Straßen bekamen polnische Namen.

Vom 17. 7. - 2. 8. 1945 hatte in Potsdam die Konferenz der Alliierten stattgefunden. Das Potsdamer Abkommen, in dem unter anderem die "humane" Umsiedlung der Deutschen aus POLEN beschlossen worden war, wurde am 2. 8. 1945 unterzeichnet. Doch auch davon wußten die betroffenen Deutschen in Schlesien mit Stadt und Kreis Frankenstein nichts.

Die Deutschen bekamen nichts mehr zu kaufen. Die Polen, die neuen Inhaber der Geschäfte, verkauften nur gegen Zloty, 1 Zl. = 2 RM, aber die Deutschen hatten keine Zloty. Sie mußten zwar arbeiten, bekamen aber für ihre Arbeit kein Geld. Außerdem war alles sehr, sehr teuer geworden.

1 Brot = 100 Zl. Die Deutschen konnten auch nichts von ihrer Habe verkaufen, damals nannte man das "versetzen", an wen? Die Polen kauften nichts, sie raubten. Da der polnische Landrat und die Russen die Kassen der Stadt und des Kreises geplündert hatten, ließ Paul Karger unter der deutschen Bevölkerung Geld sammeln, um die Menschen nicht verhungern zu lassen. Er ließ eine Volksküche einrichten, um die größte Not zu lindern.

Leider gab es auch Leute unter den Deutschen, so ein Ehepaar aus Berlin, die sich den Polen anbiederten und sich durch Denunziation Vorteile zu verschaffen suchten. Dann kam die Anordnung, dass die Deutschen weiße Armbinden mit einem schwarzen "N" ,für Niemski/Deutscher, darauf tragen müssten. Man nähte sich also solche Armbinden mit einem "N" aus Schnürsenkeln und trug sie gerne. Jetzt erkannte man doch sofort seine Landsleute und wusste, vor wem man sich zu hüten hatte.

Eine weitere Schikane der "neuen Herren" war es, von ihnen missliebigen Deutschen eine "Aufenthaltsgenehmigung" zu verlangen. Unvorstellbar, die Polen verlangten von Deutschen eine Genehmigung zum Aufenthalt in ihrem ureigenen deutschen Heimatland!

Solche "Aufenthaltsgenehmigungen" wurden von einem polnischen Amt in der Hutfabrik willkürlich ausgestellt. Die aus Protzan stammende Frau Dr. Maria Pohl war dort von den Polen als Dolmetscherin angestellt. Sie konnte manche warnen, die da in der Schlange der Wartenden standen, verschwindet schnell, denn von hier geht es ins "Niemandsland"! Tatsächlich wurden da schon viele Deutsche, denen man eine solche "Aufenthaltsgenehmigung" nicht ausstellte, in mit Ketten verschlossenen Viehwaggons westwärts "verbracht".

Die Ernährungslage für die Deutschen besonders in der Stadt wurde immer schlimmer. Das Vieh in den Dörfern wurde von den Polen geschlachtet, die lebten in Saus und Braus, egal was morgen kommt. Und es kam der Winter!

Die deutschen Frankensteiner verbrachten unter der Polenherrschaft ihr letztes Weihnachten in ihrer Heimat. Einen Weihnachtsbaum gab es an diesem letzten Weihnachtsfest in den wenigsten Familien. Und der Festtagsbraten, wenn es einen solchen gab, dann fiel er sehr bescheiden aus. In den Kirchen, welche ihre Ahnen einst erbaut hatten, sangen sie das letzte: Transeamus usque Bethlehem...

Dann kam der Jahreswechsel. Das neue Jahr wurde von den Deutschen in ihrer und ihrer Ahnen Heimat Schlesien mit Bangen erwartet...

Das Schicksalsjahr 1946 begann.

Der Winter war kalt und schneereich, das Heizmaterial knapp. Die Frankensteiner froren und hungerten sich durch den Winter. Auf den Dörfern war auch nichts Essbares zu holen, überall saßen die Polen in den Gehöften und wachten mit Argusaugen über "ihr" Eigentum. Die deutschen Familien bekamen auf den eigenen Höfen kaum etwas zu essen. Sie versorgten zwar den Polen das Vieh, taten das Getreide dreschen, doch Vieh und Korn verkauften die neuen Herren, die Polen. Nur sie profitierten von den Erlösen aus der Landwirtschaft wie auch aus deutschen Handwerks- und Industriebetrieben. Die Deutschen hielten zusammen und halfen sich untereinander so weit es möglich war. In Frankenstein wie auf den Dörfern arbeiteten die Deutschen willig für die Polen. Hoffnung hielt sie aufrecht, die Hoffnung, dass die Polen wieder verschwinden würden sobald sie das Land ausgeplündert hätten. Doch es war eine trügerische Hoffnung.

Dann tauchten erste Gerüchte auf, die Deutschen müssten alle Schlesien verlassen, die Polen hätten die Verwaltung bis an Oder und Neisse bekommen. Natürlich dachten da alle an die bekanntere Glatzer Neisse. Und war das wirklich wahr? Alle Deutschen sollten aus ihrer seit Jahrhunderten abgestammten Heimat fort? Konnte die Welt so etwas zulassen? Auch in Frankenstein hatte doch niemand diesen Krieg gewollt.

Während im Westen Deutschlands in den drei Besatzungszonen der Alliierten, selbst in den durch Krieg und Bombenterror zerstörten Städten, das Leben wieder erwachte (die Kölner gründeten eine neue Karnevalsgesellschaft) und die alte deutsche Kultur sich wieder zu regen begann, wurde das alles in den deutschen Ostprovinzen durch die Polen planmäßig zerstört.

Dann richteten die Polen im Gasthof "Zum Elefanten" an der Hindenburgstraße eine andere Dienststelle ein. Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten? Nun, man würde es sehr bald erfahren. Im Februar 1946 wurden die ersten Ausweisungsbefehle bekannt gegeben.

Der Frühling brachte erste warme Sonnenstrahlen, die deutschen Bauern bestellten trotz ihrer polnischen Herren die Felder. Ernten allerdings würden die Polen allein.

Die Übergriffe der Polen auf die deutsche Bevölkerung in Stadt und Kreis hatten solche Ausmaße angenommen, dass die Geistlichkeit des Kreises eine Bittschrift an die Polen zu Gunsten ihrer deutschen Pfarrkinder verfassten. Die Geistlichen sollten die ersten sein, welche die Heimat verlassen mussten. Sie wurden bereits am 21./22. März mit ihren Angehörigen aus ihren Pfarrhäusern abgeholt und in Viehwaggons nach Westdeutschland verfrachtet.

Das war der Auftakt zu der großen Vertreibung der Deutschen aus der deutschen Provinz Schlesien im Jahr des Friedens 1946, im Frieden, ja, im Frieden, 11 Monate nach Kriegsende!

Schon weit vor Kriegsende hatte die neue polnische Regierung in Warschau ein "Ministerium für die wieder gewonnenen Gebiete" gegründet. Es waren dort bereits eine Menge Gesetze erlassen worden über die Verteilung des "verlassenen" deutschen Vermögens, der Behandlung und Durchführung der Vertreibung und Ansiedlung polnischer Staatsbürger. Für das angeblich so arme Polen, das durch den Krieg so sehr gelitten hatte, war die Organisation und Finanzierung der Vertreibung und der Annexion der deutschen Ostprovinzen eine beachtliche Leistung!

Die ganze Logistik für die planmäßige Vertreibung der Deutschen mit Lokomotiven und Viehwaggons stand.

Am 6. 4. 46 rollte ein Transport mit Frankensteinern von ihrem Bahnhof über Reichenbach, Schweidnitz, Liegnitz, dann von Kohlfurt durch die russische Besatzungszone zum Lager Mariental bei Marienborn, westlich hinter Helmstedt. Von dort ging es ins Osnabrücker Land.

Auch aus dem Kreis Frankenstein kam jetzt ein Dorf nach dem anderen an die Reihe. Die Deutschen kamen mit ihrem wenigen Gepäck von der polnischen, bewaffneten Miliz begleitet in langen Kolonnen in die Stadt, in den Gasthof "Zum Elefanten". Dort wurden sie registriert und erhielten die Nummer eines Viehwaggon. Nach einer Nacht auf dem blanken Fußboden des Tanzsaales ging es am nächsten Morgen zu Fuß mit dem Gepäck zur Bahn. Auf dem Gelände und in den leeren Hallen der Füllhalterfabrik Haro wurde dann alles von den Polen noch einmal "kontrolliert". Das bedeutete, dass die Polen den Deutschen noch einmal alles wegnahmen an Wertsachen oder was ihnen eben gefiel. Danach durften sich die Geplünderten mit ihrem restlichen Gepäck zu den bereitstehenden Viehwaggon begeben, deren Nummer sie erhalten hatten. 30-35 Personen mit Gepäck mussten sich den Platz in einem Waggon teilen. Auf der Fahrt, wenn die Insassen der Viehwaggons an den noch deutschen Ortsbezeichnungen der durchfahrenen Bahnhöfe sahen, dass es wirklich nach Westen ging, legte sich endlich etwas die Angst vor der Zukunft, denn es ging wenigstens nicht nach Sibirien.

Alle Bewohner der Stadt Frankenstein wurden auf diese Weise aus ihrer schönen Stadt im seit vielen Jahrhunderten deutschen Schlesien vertrieben.

Paul Karger, Bürgermeister a. D. musste mit den Frankensteinern am 6. Mai 1946 im Viehwaggon die Heimat verlassen.

Sie alle mussten bitterarm im Westen Deutschlands mit seinen kriegszerstörten Städten einen neuen Anfang suchen.

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Zusammengestellt von Doris Minale
Quellen: Knaurs Lexikon 1947, Fedor Sommer: Die Geschichte Schlesiens, Richthofen: Polens Traum vom Großreich, Handbuch der hist. Stätten Schlesiens, "Am Born der Heimat"1926, Heimatbeilagen der Frankenstein-Münsterberger Zeitung 1924-26, Frankenstein-Münsterberger Heimatblätter, Piontek: Goethe unterwegs in Schlesien, Bundesministerium der Vertriebenen: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östl. d. Oder-Neisse.


Aus den Gebieten im Osten Polens, die Stalin inklusiv Lemberg wieder der Sowjetunion einverleibte, wurden etwa 1,5 Millionen Polen vertrieben. Die heutige Ostgrenze Polens entspricht wieder weitgehend der "Curzon-Linie" von 1919, welche sich nach der Volkszugehörigkeit gerichtet hatte.

12 Millionen Deutsche mussten ihre Heimat in den deutschen Ostprovinzen verlassen, für 1,5 Millionen Polen!

Wie hatte Hitler einst großspurig getönt: "Deutschland, Volk ohne Raum" und "Im Osten liegt unsere Zukunft!"

Der exilpolnische Außenminister Raczynski, London, hatte am 24. 9. 1941 folgendes erklärt.
Die künftigen Grenzen Polens sollten Polens Lebensinteresse nach einem breiten Zugang zur See, genügend geschützt vor fremden Einflüssen, und ferner eine wirtschaftliche Entfaltung in einem der Zahl seiner Bevölkerung entsprechenden Verhältnis sichern ...

Wie sieht das heute aus?

Zur Zeit der Wende 1990 und der Oder-Neisse- "Grenzbestätigung" bis heute, leben in Polen inklusiv der annektierten deutschen Ostgebiete 38 Millionen Polen, die Minderheiten, z. B. die Deutschen in Oberschlesien, inbegriffen.

Auf etwa gleichgroßem Gebiet leben in der Bundesrepublik Deutschland 82 Millionen Deutsche und andere.

Frankenstein ist mit Schlesien aus der Deutschen Geschichte nicht heraus zu lösen.
Frankenstein ist zusammen mit ganz Schlesien ein guter Teil von Deutschland!

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