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Bild Wer vor der Vertreibung der Schlesier aus ihrer landschaftlich schönen Heimatprovinz durch das Riesengebirge wanderte, ist nicht nur durch Krummhübel und Schreiberhau, sondern auch durch das südlich von Hirschberg am Fuße des sagenumwobenen Prudelberges gelegene Stonsdorf gekommen. Kaum eine andere Ortschaft aus Rübezahls Reich ist in der Welt so weit bekannt geworden wie dieses idyllische Gebirgsdörfchen. Dafür hat jedoch nicht der gefürchtete Zauberer Rischmann gesorgt, der während des 30-jährigen Krieges in den tiefen Felsenhöhlen des Prudelberges hauste, sondern der Wandergeselle Christian Gottlieb Koerner, der zur Zeit Napoleons von Paris nach Stonsdorf kam. Als er dort im Jahre 1801 anfing, für einen Wochenlohn von 1 Taler und drei Silbergroschen in der Brauerei zu arbeiten, war es noch sehr einsam im Riesengebirge.

Von den anheimelnden charakteristischen Bauden auf den Höhen war noch ebenso wenig zu sehen, wie von den freundlichen Luftkurorten an den Hängen des Gebirges, in denen sich die Sommerfrischler und Wintersportler später so wohl fühlten. In Krummhübel, das einige Jahrhunderte vorher im Tal der Lomnitz als ein ausgesprochenes Laborantendorf gegründet war, wohnten hauptsächlich naturverbundene Kräutersammler und geheimnisvolle Arzneibereiter, die der ungewöhnlich reichhaltige Pflanzenwuchs dorthin gelockt hatte, durch den sich das Riesengebirge auszeichnet. Alles was es auf den sonnigen Gebirgsmatten und in den schattigen Talschluchten an würzhaltigen Wurzeln, Moosen, Kräutern, Beeren und anderen Früchten gab, wurde von den Kräutersammlern zusammengetragen und an die alte Apothekerei in Krummhübel oder an die anderen dort ansässigen Arzneibereiter verkauft, um entweder zu gesundheitlichen Laborantentränklein verarbeitet oder in großen Ballen nach den damals wichtigsten Handelsplätzen verschickt zu werden. Die bewährten Rezepte, nach denen die medizinischen Tinkturen in Krummhübel hergestellt wurden, wurden streng geheim gehalten und sorgsam in manchmal recht wunderlich und alchimistisch abgefassten Rezept-Büchern vom Vater auf den Sohn vererbt.

Das Schicksal wollte es jedoch, dass auch Christian Gottlieb Koerner, als er schon acht Jahre lang, als Brauerei-Geselle in Stonsdorf gearbeitete hatte, in den Besitz eines dieser sorgfältig gehüteten Rezepte kam. Und da er in der französischen Hauptstadt die neuesten Destillationsmethoden der feinsten Pariser Liköre kennen gelernt hatte, wurde ihm sofort bewusst, dass sich aus der herkömmlichen und gut schmeckenden Medizin ein ausgezeichneter bitterer Likör herstellen ließe, wenn er seine fachmännische Erfahrung mit diesem Rezept verbinden würde. Als Erfolg dieser Überlegungen entstand aus dem bewährten Krummhübler Laborantentränklein das hervorragende Erzeugnis, das heute unter dem Namen "Echt Stonsdorfer Bitter" Weltruf genießt und von so ausgesprochener Eigenart ist, dass es weder zu den üblichen bitteren Likören noch zu den gewöhnlichen Schnäpsen gerechnet werden kann.
Als Christian Gottlieb Koerner im Jahre 1810 in der gepachteten Brauerei und der daneben gelegenen Brennerei und Branntweinschänke in Stonsdorf anfing, den überaus reichhaltigen aromatischen und heilkräftigen Pflanzenwuchs des Riesengebirges in Likörflaschen einer neuen Verwertung zuzuführen, mag man in Krummhübel verwundert den Kopf geschüttelt haben. Aber als er sein Unternehmen vierzig Jahre später seinem Sohn Wilhelm übergab, hatte sich der Stonsdorfer Bitter schon in ganz Schlesien Heimatrecht erworben und seinen Ruf fest begründet. Er gehörte fortan zum Riesengebirge wie die Schneekoppe und die Schneegruben selber.
Mit dem Aufschwung des Fremdenverkehrs wuchs jedoch auch die Verbreitung des Stonsdorfers noch weiter , da die Riesengebirgswanderer, die ihn in den Bauden kennen gelernt hatten, ihn zu Hause nicht mehr missen wollten. Wilhelm Koerner verlegte seine Fabrik 1868 daher von Stonsdorf nach Cunnersdorf an der Landstraße von Hirschberg nach Warmbrunn, behielt aber für den Likör den eingebürgerten Namen bei. In dieser Fabrik, in der sich die "Stonsdorferei" bis nach dem zweiten Weltkrieg befand, konnten täglich in einem Bottich 5000 und in einem anderen 2000 Liter Likör erzeugt werden. Die Beliebtheit, der sich diese Riesengebirgsspezialität erfreute, ließ manche Nachahmung entstehen. Den späteren Inhabern der Fabrik in Cunnersdorf wurde durch Rechtsgerichtsentscheidung aber das Recht zugesprochen, ihr Destillat allein "Echten Stonsdorfer Bitter" zu bezeichnen.

Da der Stonsdorfer einem bekannten schlesischen Witz zufolge sogar vom lieben Gott getrunken wird, hat er auch außerhalb Deutschlands viele Freunde gefunden. Er ist seit Jahrzehnten nicht nur in alle europäischen Ländern, sondern sogar nach Indien, China, Japan, Australien, Brasilien und den Vereinigten Staaten von Amerika laufend verschickt worden, teilweise sogar in großen Fässern und Korbflaschen. Am meisten ist er jenseits der deutschen Grenzen in den angelsächsischen Ländern geschätzt.

Bei der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nach dem zweiten Weltkrieg gelang es den Nachfolgern Christian Gottlieb Koerners, das Originalrezept des Erfinders des Stonsdorfers zu retten und in Hamburg unter der alten Firma eine neue „Stonsdorferei" zu gründen.

Und wenn das Riesengebirge jetzt auch unter polnischer Verwaltung steht, wie es nach internationalen Abmachungen heißt, so wird der Stonsdorfer, wie es sein würziger Geschmack ohne weiteres erkennen lässt, auch an der Elbmündung nicht aus Essenzen, sondern aus denselben heilkräftigen Pflanzen zubereitet wie im Riesengebirge. Aus heimatlicher Verbundenheit ist jede Flasche, die heute aus der echten Stonsdorferei in Hamburg versandt wird, von einer Papierhülle umgeben, auf der das Riesengebirge zwischen Schmiedeberg und Schreiberhau mit der Schneekoppe im Hintergrund dargestellt ist, damit jeder, der sich am Stonsdorfer labt, auch seiner Heimat, des schönen Riesengebirges, gedenkt.

Hermann Ulbrich-Hannibal
Entnommen aus: „Schles. Bergwacht" 1955