Lassoth(bis 1935)
danach
Grünfließ
Kreis Neisse - Schlesien
Vorwort

Die Liebe zur angestammten Heimat und der Erhaltung des Andenkens an unseren Heimatort Lassoth, der ab 1931 Grünfließ hieß rechtfertigt ganz gewiss die Erstellung einer, wenn auch bescheidenen Dorfchronik als Denkmal unserer Vergangenheit und Heimat und als Zeugnis des Fleißes unserer Väter.
So wie der Mensch in jungen Jahren nach vorn schaut, so blickt man in späteren Jahren ebenso gerne und dankbar zurück. Wir wollen aber nicht nur Erinnerung wecken, denn die tragen wir die Erlebnisgeneration, im Herzen. Wir wollen und müssen unseren Kindern und Nachkommen einen Überblick darüber vermitteln, was unsere schaffensfreudigen Vorfahren in 7 Jahrhunderten in einem oft entbehrungsreichen Leben kultiviert und aufgebaut haben.

Unsere kleine Chronik klopft auch an die Türen aller derer, die uns wohlgesinnt sind. Sie sollen etwas vom Leben in unserm Dorf erfahren. Sie sollen einen Überblick darüber bekommen, was deutscher Fleiß, Gemeinsinn, Ordnungssinn, Beharrlichkeit, unermüdliche Ausdauer und Arbeit der Hände und des Geistes geschaffen haben.
Da unsere Dorfgemeinschaft völlig ahnungslos und plötzlich die Heimat verlassen musste, gibt es so gut wie kein Bildmaterial vom Dorf. Um so dankbarer sind wir den Verwandten und Freunden, die ihre Fotoalben mit einigem Erfolg für unsere Chronik durchstöbert haben. Darum können wir nun doch noch einiges von unserem Lassoth bildlich veranschaulichen. Herzlichen Dank auch allen Heimatfreunden, die mitgeholfen haben, diese Broschüre zu erstellen.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass manch' wehmütiger Gedanke bei dem "Wie" und "Warum" des Verlustes unserer Heimat auftaucht. Bereits seit Jahren wird deutlich, dass die Vertreibung nicht nur eine schlimme Entscheidung für die betroffenen Menschen war, sondern auch für das Dorf selbst; das inzwischen vieles dahin sank und unterging, was unersetzlich bleibt, aber doch im Gedächtnis aufbewahrt werden sollte.

Haben wir deutschen Heimatvertriebenen auch die wirtschaftliche, finanzielle Not nach äußerst harten Jahren gemeistert, so bleibt uns doch eine schmerzliche Erkenntnis. Besser als mit den Gedanken von Gerd Schäling können wir unser Empfinden wohl kaum kundtun.


Heimatkundliche Rückschau
Die Landkarte Schlesiens zeigt im südöstlichen Teil die Städte Glatz und Neisse. Beide haben zweierlei gemeinsam; sie sind alte Festungsstädte und durch beide fließt die Glatzer Neiße. Das Flusstal, das im Glatter Bergland recht eng ist, weitet ich stromabwärts immer mehr und bietet dem schauenden Auge eine fruchtbare Landschaft. Bei Patschkau tritt die Glatter Neiße in den Neisser Kreis. 12 km nördlich der Kreisstadt Neisse liegt Lassoth. Die Lassother Gemarkung wird von Süden nach Norden auf ca. 4 km Länge von der Glatter Neiße durchflossen, die hier durchschnittlich 35 m breit ist

Bild Landkarte Schlesien

von Neisse ist das Dorf über die Chaussee. durch Riemertsheide, Ober-Jeutritz, Rothhaus, hier direkt vor der Neißebrücke links abbiegend, über Nieder-Jeutritz zu erreichen. Eine Abkürzung um ca. 2 km bietet ein Feldweg, gleich hinter Rismertsheide links, am Teich vorbei. Dadurch wird der weite Bogen über Ober-Jeutritz und Rothhaus vermieden. Der Geschichtsforscher Klemens Lorenz ermittelte, dass dieser Hainweg im Niederfelde den Lassother. schon in früheren Jahrhunderten als Kirchsteig, diente, als Laesoth noch keine eigene Kirche hatte. Unser Heimatdorf wird nicht vom hektischen Getriebe einer bedeutenden Durchgangsstraße frequentiert, eher könnte es als abgeschieden und entlegen gelten.
Die Gemarkung und das Dorf werden von Süden nach Norden von der II A- Straße Nieder- Jeutritz - Lassoth - Hennersdorf durchzogen. In östliche Richtung führt eine Straße nach Neusorge, ebenso zu Westen nach Waltdorf (um 1700 noch Waltersdorf genannt). Die Feldmark ist durch zahlreiche Feldwege erschlossen.

Die Feldmarkfläche besteht zu über 90'% aus Ackerland, etwas Wald nur beim Neißewehr, der Rest ist Wiesenfläche. Das wist auf gute Bodenqualität hin.

Das Gelände der Gemeindeflur ist meist eben, nur nach Westen steigt es um durchschnittlich 0,5% an. Die niedrigste Stelle der Gemarkung liegt an der Nordostgrenze (an der Glatzer Neiße) mit 165 m über NN, die höchste Stelle liegt am Schnittpunkt Gemarkungsgrenze/Straße nach Waltdorf mit 193, 1 m über NN.

Unsere Dorfgemeinde gehörte, wie bereits erwähnt, zum Kreis Neisse und dieser, ebenso wie die Nachbarkreise Grottkau und Falkenberg, zum Regierungsbezirk Oppeln, der geschichtlich Teil der preußischen Provinz Schlesien ist und zuletzt (ab 1919) eine eigene Provinz Oberschlesien bildete.
Flächenmäßig stand 1819 der Kreis Neisse von der Größe her mit 70 094 ha erst an 11.Stelle im oberschlesischen Raum, aber hinsichtlich der Bevölkerungsdichte rangierte unser Kreisgebiet an 1. Stelle. Auf 100 ha kamen 77 Einwohner.

Lassoth hatte
1830: 497 Einwohner (davon 8 ev.)
1845: 585 Einwohner (9 e v.)
1887: 630 Einwohner
1895: 638 Einwohner (1 ev.)
1925: 520 Einwohner (3 ev.)
1939: 572 Einwohner
1941: 573 Einwohner

In Lassoth wurde nur deutsch gesprochen und verstanden. Die Umgangssprache gehörte zum gebirgsschlesischen Dialekt.

Die verhältnismäßig hohe Einwohnerzahl in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts verringerte sich in rund 3 Jahrzehnten (1895-1925) um über 100 Personen.
Die in jener Zeit verstärkt einsetzende Industrialisierung ließ darum viele nach Berlin und andere größere Städte abwandern, wo sich ihnen bessere finanzielle Arbeitsmöglichkeiten boten. Darum ist der bekannte Ausspruch, dass die Berliner zum großen Teil in Wirklichkeit Schlesier seien gar nicht so abwegig.
Vielleicht weckte auch die neue Reisemöglichkeit per Bahn die Wanderlust der jungen Menschen. Zwar gab es bereits 1750 eine Postkutschenverbindung von Breslau über Neisse-Jägerndorf nach Wien, aber diese Reisen waren sicherlich keine bequemen Vergnügen; die Reisezeit nahm Tage in Anspruch. Im Jahr 1820 dauerte eine Postkutschenfahrt von Wien über Brünn- Olmütz- Neisse- Breslau nach Berlin 126 Stunden.

Die Inbetriebnahme der neuen Bahnstrecke Neisse- Grottkau- Brieg- Breslau erfolgte im Jahr 1848. Böedorf wurde für die Lassother die günstigste Zusteigestation (7 km).
Die Bahnverbindung Neisse- Oppeln besteht seit 1887. Hier sind Nieder-Hermsdorf, aber auch Mannsdorf, als Bahnstation für die Lassother gleich weit entfernt (6 km). Anreisender Verwandtenbesuch wurde, je nach Wetterlage, von den Bauern mit dem Landauer oder „Gedeckten“ abgeholt.