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Wir waren 415 Männer, 761 Frauen und 507 Kinder.
Es wurde ein deutscher Transportleiter bestimmt.

Die Fahrt ging vom Frankensteiner Bahnhof. Die Belegung der Güterwagen war unterschiedlich, da die Familien zusammenbleiben wollten. In den Waggons gab es weder Liege- noch Sitzmöglichkeiten. Alles spielte sich im Halbdunkel der fensterlosen Viehwagen bei empfindlicher winterlicher Kälte auf dem nackten Boden ab. Nur in einem einzigen dieser Güterwagen waren ein Kanonenofen und auch einige Liegen, wo ein deutscher Arzt für Notfälle zur Verfügung stand. Ein großes Problem stellte das Fehlen jeglicher sanitärer Einrichtungen dar. Mütter hatten keine Möglichkeit, ihre Kleinkinder trockenzulegen. Auf entsprechende Fragen wusste der Transportleiter keine Antwort.

In Mariental wurde der Transport von den Engländern übernommen. (Marienthal mit seinem Außenlager Alversdorf war neben Friedland bei Göttingen einziger Anlaufpunkt für die britische Zone.)

Namenslisten Flüchtlingslager Mariental
des Flüchtlingstransportes 2. September 1946 - Nr. 489

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Die englische Besatzungszone war erreicht. Hier wurden alle, jetzt von Deutschen, registriert. Es folgte die zweite Entlausung (1x flitsch, Pulver in Halsausschnitt und Haare, 1x flitsch, Pulver in den Hosen- oder Rockbund) und dann gab es endlich eine warme Suppe und in den Sälen ein Bett! Alle waren zutiefst erleichtert, obwohl die Begrüßung nur aus einer ersten Entlausung bestand. Aber das Rote Kreuz war da und versorgte wenigstens die Säuglinge notdürftig. Es war der Montag den 2. Sept. 1946 um 17.30 Uhr als wir im Flüchtlingslager Mariental bei Helmstedt ankamen. Immer wieder stand der Zug lange irgendwo. Dann holte man an der Lokomotive heißes Wasser und versuchte an den Gleisen auf einem zwischen zusammengestellten Steinen entfachten Feuerchen eine Suppe aus Gries, Mehl oder Nudeln zu kochen. Oft genug mussten alle auf Pfeifen des Lokführers schnell wieder mit ihrem Topf in den Zug einsteigen ehe das "Süppchen" gar war. Dazu aß man von den noch zuhause hart getrockneten Brotstückchen. Frierend, im Sitzen schlafend, ungewaschen ging es weiter durch die kalten Nächte. Hier, wo alle "Vertriebenen-Transporte" aus irgendwelchen Gründen anhalten mussten, immer gewartet und die Menschen in den Waggons gefragt woher sie kämen.

Die Freude der Familie war groß, wusste man doch bisher nichts über seinen Verbleib. Gerhard Schneider hatte so wie viele andere versucht nach der Entlassung aus der Wehrmacht nach Schlesien, nachhause, durchzudringen. Es war alles vergeblich, denn die Polen ließen keine Deutschen mehr nach Schlesien heimkehren. Ja, man befand sich wieder allein unter Deutschen. Es gab keine Angst mehr und keine weiße Armbinde mit schwarzem "N" für Niemski (Deutsch). Man war aus der Heimat vertrieben, aber frei!

Nicht aber für die Vertriebenen auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft. Sie wurden weiter westwärts transportiert, aber jetzt im Personenzug! Um 23.15 Uhr wurde der Zug mit den Vertriebenen in das Lager nach Warendorf ins Flüchtlingslager „Pferdegestüt“ weitergeleitet. Die Bahnreise war beendet. Nun stand der Zug wieder, man sah nur Gleise, Gleise. Einige junge Burschen liefen über die Gleise um nachzusehen, wo man sich befand. Es wusste daher kaum einer geographisch einzuordnen, wo er sich jetzt befand, denn niemand besaß zu diesem Zeitpunkt eine Landkarte. Die Namen der Dörfer auf die man eingeteilt wurde, waren jedem vollkommen fremd. Man wusste nur, dass man jetzt irgendwo in der Gegend von Hannover war. Das Gepäck, die letzte Habe der Vertriebenen wurde ausgeladen. Drei oder vier Bauern aus der Umgebung warteten mit ihren Pferdegespannen um alles vom Bahngleis in das Lager zu befördern, die den Vertriebenen zugewiesen wurden. Die Pferdeboxen hatte man auf blankem Boden "liebevoll" mit Stroh eingeschüttet. Decken gab es nicht. Der Transport des Gepäcks zu den Zelten zog sich in die Länge. Das wenige der einzelnen war doch in der Masse zu viel. Nach der Fütterzeit am Morgen, war nur noch ein ausdauernder, mitleidiger Gespannführer mit seinen Pferden da, der gegen Mittag das letzte Gepäck in das Lager beförderte. In der Nacht gab es wieder Frost. In den Boxen zitterten sich die Erschöpften frierend in den Schlaf. Am nächsten Morgen wärmten sich die Vertriebenen in der Sonne für die nächste kalte Nacht. Die Lagerverwaltung arbeitete wieder und die Schlesier aus dem Kreis Frankenstein wurden auf Dörfer im Kreis Beckum aufgeteilt, In Schlesien, daheim, hatte wohl keiner je von der Existenz dieses Kreises gehört.

Da galt es für die Familien hauptsächlich, dass sie mit weiteren Angehörigen einigermaßen zusammen bleiben konnten. Auf offenen Lastwagen wurden die Schlesier dann mit ihrer letzten Habe in die Dörfer befördert. Beim Bürgermeisters wurden sie abgesetzt. In der Bürgermeisterei erhielt jeder sein Quartier zugeteilt. Wir selbst kamen in Bekum in den Holtmarweg.

Winzige, fast leere Kammern, in Häusern, auf Bauernhöfen oft die Knechtekammern über oder neben dem Vieh, Ofenrohr zum Fenster hinaus, so sah es meistens aus, das Domizil der Vertriebenen für die nächsten Jahre. Das Elend, die Probleme vor denen jeder stand, sind gar nicht aufzuzählen. Das restliche Geld, die noch mitgebrachten Reichsmark, waren bald aufgebraucht. Für die Guthaben auf ostdeutschen Bank- und Sparkonten, selbst wenn man die Sparbücher noch besaß, traten die westdeutschen Bankinstitute nicht ein. Flüchtlinge und Vertriebene erhielten über die provisorischen deutschen Behörden eine "Soforthilfe". Diese geringen Geldbeträge reichten kaum aus um das wenige zu kaufen, das es auf die Lebensmittelkarten gab. Die "Raucherkarten" auf welche es Zuteilungen von Zigaretten und Tabak gab, wurden von den Nichtrauchern zur Aufbesserung der knappen Finanzen auf dem "Schwarzen Markt" der Städte verkauft oder in dringend benötigtes eingetauscht. Bis zur Währungsreform im Sommer 1948 gab es nichts regulär zu kaufen. Man konnte nicht einfach hingehen und sich etwa einen Stuhl, einen Herd, ein Bett kaufen.


Für die Überflussgesellschaft von heute, in der sich die Firmen mit der Werbung für ihre Produkte überbieten, ist das unvorstellbar. Die Vertriebenen waren damals auf das angewiesen, was ihnen die Einheimischen abtraten. Und die Lebensmittel- und Raucherkarten bekam man nur, wenn man arbeitete. Auch für die kleinste Kammer musste Miete bezahlt werden, Wasser war gewöhnlich frei, denn meistens musste man es sich von der Handpumpe holen und das Licht wurde sowieso abends für mehrere Stunden von den E-Werken abgeschaltet, es war "Stromsperre" im geschundenen Nachkriegs-Deutschland.

Gekocht und geheizt wurde recht und schlecht mit Holz oder Torf. Die "Flüchtlinge", wie man sie allgemein nannte, arbeiteten bei den "Einheimischen", meist bei den Bauern in den Dörfern für Lebensmittel. Sie arbeiteten schwerer, für weniger Entgelt und unter sehr viel schlechteren Wohnverhältnissen als später die "Gastarbeiter" in der BRD. Jeder der "Flüchtlinge" konnte seine eigene Geschichte über die Art der mehr oder weniger freudig-freundlichen Aufnahme durch die Einheimischen in Rest-Deutschland erzählen.

Auch bei diesem Transport erfolgte die "humane Aussiedlung" tagelang ohne Verpflegung, ohne Wasser, ohne Klo. Das hieß: bei Zugstopp schnell hinaus aus dem Waggon und schnell die Notdurft unter den Augen der anderen neben dem Zug verrichten, immer in der Angst, der Zug könnte plötzlich weiterfahren. "Die Ankunft im Westen war mehr als spaßig, wir wurden von Soldaten entlaust. Unser Anblick danach war schlimm, Haare und Kleider alles grau in grau vom DDT-Pulver. Wir fühlten uns wie Tagediebe", "wir waren ungepflegt und dreckig, von Kämmen und Zahnbürsten hatte man uns ja schon in Frankenstein "befreit", und jetzt noch diese Entlausung.

Es waren für alle sehr bittere Jahre der Armut und Demütigung. Die ganze einst intakte Gemeinschaft von Frankensteiner war auseinander gerissen.

So, in alle Winde verweht, begann dann das große Suchen nach Angehörigen und Bekannten. Das war besonders schwer für die aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Männer. Oft fanden sie ihre Angehörigen erst nach langer Zeit über den vom Deutschen Roten Kreuz damals eingerichteten Suchdienst.