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In der neu entstandenen Bundesrepublik Deutschland wurde das so genannte "Lastenausgleichs-Gesetz" erlassen und ein LAG-Amt eingerichtet. Da nur ganz wenige der Vertriebenen wegen der Inbesitznahme all ihres Eigentums durch die Polen und die Plünderungen ihre Dokumente oder Grundbuch-Auszüge retten konnten, war es schwer, die für die LAG-Anträge benötigten Nachweise zu erbringen. Ohne die Hilfe unseres Josef Bartel vom Standesamt Frankenstein wäre es vielen nicht möglich gewesen.

Es gab eine kleine "Hausratsentschädigung" und der spät gezahlte so genannte "Lastenausgleich" bewegte sich nur in Höhe der Miet- und Pachtausfälle von etwa 10 Jahren. Von einer gerechten Entschädigung für den verlorenen Besitz, die verlorene Existenz, kann keine Rede sein. Von den 1,66 Millionen Arbeitslosen Ende Februar 1951 in Westdeutschland waren nicht weniger als 557.000 Heimatvertriebene! Dennoch fassten sie neuen Mut. Sie nahmen jede Arbeit an! Nur durch Energie, Tatkraft und ihren Fleiß nahmen die Vertriebenen am "Wirtschaftswunder" teil. Sie verließen vielfach aus beruflichen oder familiären Gründen den ihnen einst Zwangs zugewiesenen ersten Wohnsitz in Restdeutschland. Alle schufen sich aus eigener Tatkraft irgendwo eine neue Existenz, ein neues, schönes Zuhause, auch unter den schwierigen Verhältnissen in der DDR. Fast alle haben wieder Haus- und Grundbesitz. Sie und ihre Kinder wurden überall geachtete Mitbürger. Die Bewohner aus Frankenstein, wie alle anderen Schlesier durch die Vertreibung über ganz Rest-Deutschland verstreut, fanden ein neues Zuhause, aber eine "Neue Heimat"? Wohl kaum.

Der "Schlesier", ein hochbegabter deutscher Volksstamm, wurde zum Auslaufmodell.

Wenn man heute in der Erinnerung alles noch einmal nachvollzieht und liest so einfach und schnell, was damals erlitten wurde, wenn man sich dann deutlich macht wie lang z.B. 5 Wochen sind, welche die Frankensteiner Männer in der Gefangenschaft, in den Fängen der Polen aushalten mussten, 5 lange Wochen den Schlägen und Torturen ausgesetzt, länger als ein Monat, 5 lange Wochen Sorge um die Angehörigen, 5 lange Wochen Todesangst - eine Schreckenszeit, die zur Ewigkeit wird!

"Ich kann nicht vergessen, was ich erlebt habe. Trotzdem hege ich keinen Hass auf die Polen. Seit 1946, seit wir hier im Westen Deutschlands leben, denke ich beim Beten des "Vater unser", der Bitte um Vergebung der Schuld, an die Polen."
Diese Worte zeugen von der echt christlichen, noblen Gesinnung des Schlesiers.

Die meisten von uns werden sich dem anschließen, auch wenn die Gefühle für die Polen keine freundlichen oder gar freundschaftlichen sind, sondern eher über Abneigung oder Abscheu zu Distanz reichen und nach Wahrheit und Gerechtigkeit verlangen.

Von Beckum aus holte uns, 1948 (Großmutter Hedwig Klimke, Mutter Margarete Dinter, geb. Klimke und ich Helmut Dinter) der Bruder meiner Mutter, Hanns Joachim Klimke nach Netra Krs. Eschwege (Hessen) in der damals amerikanischen Zone hier wohnten wir in seinem neu errichtetem Haus im 1. Stock. Hier hatte meine Mutter zunächst mit Seifenverkauf (Gensel Walkenried) von Haus zu Haus danach mit Reinigung und Färbeannahme (der Firma Ziffling) sowie Herstellung von Stoff überzogen Knöpfen über die Runden zu kommen. Als da die Einnahmen nicht zum Leben reichten arbeitete sie in Heimarbeit ( bei dem Hessia Werk in Eschwege) hier wurden Axelkissen für Mäntel genäht. Am 30. Mai 1951 zogen wir nach Friedrichsdorf/Hochtaunus (Hessen) in ein kleines ca. 50m² großes Holzhäuschen am Feldweg, hier baute ich mit meiner Mutter 1984-1986 ein schönes Haus in dem wir heute noch wohnen.
1951 verdiente sich meine Mutter mit putzen bei mehreren „Leuten“ das Geld um zu überleben, einige Zeit später versuchte sie mit Resteverkauf, Strümpfe stopfen und Wäsche flicken über die Runden zu kommen. Dann nähte sie in Heimarbeit für Bad Homburger Textilgeschäfte Bettwäsche, für die Kleiderfabrik (Herold, Bad Homburg) Blusen im Akkord, dann für die (Firma Schnappka in Bad Homburg ) Kleider, diese Firma ging in Konkurs und meine Mutter verlor das hart erarbeitete Geld, denn vor dem Lohn wurden aus der Konkursmasse zuerst Steuer, Krankenkasse, Strom, usw. zuerst einbehalten und da blieb für alle Heimarbeiterinnen für den Lohn nichts mehr übrig. Die Äpfel aus dem Garten wurden schön Poliert und 1 oder 3 Pfundweise abgepackt ich fuhr diese mit dem Fahrrad, nach Bad Homburg in die Villenhaushalte einzeln von Tür zu Tür gehend wo die Frauen Apfelkuchen backten. Außerdem ging ich nach dem Schulunterricht fast jeden Mittag schnell zu Seulberger Bauern aufs Feld, zum Unkraut jäten Rübenhacken, Äpfel schütteln und sammeln für Apfelwein keltern, Rübensilo säubern, Kartoffel lesen usw. am Abend gab es 2 Mark, aber ich hab schnell mitbekommen das wenn ich an stelle von Geld Kartoffeln mitnahm bekam ich meistens ein paar mehr.
Jetzt arbeitete meine Mutter als Stromgeldkassierer und Stromableser in Friedrichsdorf bei dem E-Werk (Lahmeyer, Bad Homburg) da auch hier das Geld zum Leben kaum reichte, übernahm sie des Öfteren auch Urlaubs- und Krankheitsvertretungen in verschiedenen Ortschaften, Seulberg, Bad Homburg, und als 2. Beruf als Lebensmittelverkäufer bei der (Firma Bachmann in Friedrichsdorf).

Als ich nun in die Lehre kam, sollte sie von Ihrem kargen Verdienst noch einem Lehrlingslohn (40,-- DM) abgezogen werden, weil sie ja auf 2 Lohnsteuerkarten arbeiten musste (Fahrgeld in die Berufsschule nach Oberursel kam 25,-- DM). Daraufhin versuchte Sie an eine Arbeit mit nur einer Lohnsteuerkarte zu bekommen. In der Zeitung war eine Stelle als Bürokraft in der AEG in Frankfurt ausgeschrieben.

Auch während der Lehre war ich in Friedrichsdorf bei der Zwiebackfabrik (in der Spätschicht von 17-22 Uhr) zum Zwiebackbacken und LKW laden beschäftigt damit das Geld zum Überleben reichte.

Auch wenig später arbeitete ich Freitagnacht (von 16.30 bis 3 Uhr) in einem Zeitungsverlag in Frankfurt. Damit ich mir ein wenig meine kleinen Wünsche und Träume erfüllen konnte.