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Aufnahmelager für tausende Vertriebene von Elisabeth Ketteler-Zuhorn


Als freiwillige Helferin im damaligen Notaufnahmelager Landgestüt Warendorf, das in einer Reithalle eingerichtet worden war, tat monatelang Elisabeth Ketteler-Zuhorn ihren aufreibenden Dienst. Sie schildert eingangs, wie sie mit ihrer Familie aus den bomben zerstörten Düsseldorf nach Warendorf verbrachte. Der unversehrt gebliebene Ort war damals von Ausgebombten und Vertriebenen vollständig überfüllt.

Und die Verfasserin, Enkelin des bekannten Warendorfer Bürgers Prof. Dr. Karl Ahorn, fährt in der Schilderung ihrer Erlebnisse fort.

Zu dieser schon sehr schwierigen Situation kamen bei Kriegsende Ostern 1945 noch die Anforderungen, die die Engländer, zunächst die kämpfende Truppe und dann deren Zivilverwaltung - Stelle. Die moderneren Straßenzüge und einige größere Häusern der Stadt mussten geräumt werden. Die englische Militärverwaltung, die den deutschen Zivilbehörden als Aufsicht zur Seite gestellt waren, brauchten Platz. Die Mädchen aus der Abiturientenklasse wurden als Dolmetscherinnen verpflichtet.

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Im Gestüt wurden Russen und Polen (man sagte 10.000) aus dem Industriegebiet untergebracht, da die Engländer sie dort nicht verpflegen konnten und aufs Land verlegten. Diese Menschen versuchten nun, ihre Lage durch Plünderungen der Bauern zu verbessern. Die Gefangenen, die auf den Höfen um Warendorf gearbeitet hatten, haben Military Police sorgte später für Ruhe, weil auch ihre eigene Versorgung gefährdet war. Allerdings wurde gleich zu Anfang eine Ausgangssperre von Einbruch der Dunkelheit bis zum anderen Morgen verhängt.

Bei der Überfüllung der Stadt reichte die Wasser- und Elektrizitätsversorgung nicht aus. Eine Kanalisation gab es für die Häuser in der Altstadt nicht. Wir hatten jedenfalls noch eine Senkgrube, die ausgefahren werden musste. Glücklicherweise konnten wir den alten Brunnen im Hof wieder öffnen. So hatten wir für uns und die Nachbarschaft Wasser zum Wäsche waschen. Bei der Lebensmittelversorgung verhielt es sich ähnlich. Die meisten Warendorfer hatten Gemüsegärten und besserten dadurch die Ernährung auf; wir anderen mussten versuchen, von den wenigen Gärtnern etwas zu bekommen.

Auf diese schon angespannte Versorgungslage traf nun (Ende September) die Ankündigung, dass aus dem Osten Vertriebene eintreffen würden. Die Nachricht kam sehr überraschend. Im Gestüt wurde die große Reithalle freigemacht, in den hinteren Räumen eine Küche eingerichtet, in der Suppe gekocht und Brote gestrichen werden konnten. In den Stallboxen wurde Stroh als Schlaflager gestreut.

Frau Schwerbrock und Fräulein Carle von der Caritas bzw. dem Frauenbund gingen zu den Familien mit Töchtern und suchten eine freiwillige Hilfstruppe für die erste Versorgung zusammenzustellen. Da wir alle irgendwo dienstverpflichtet waren, konnten sie nur freiwillige Helferinnen bitten. Zudem musste der Schutz der Frauen vor dem angrenzenden Russen- und Polenlager gesichert werden. Frau Schwerbrock erhielt zu diesem Zweck von den Engländern einen VW, mit dem sie uns aus der Stadt abholte und morgens gegen 4 Uhr wieder auf den Markt zurückbrachte, damit wir um 8 Uhr wieder im Dienst sein konnten. Unsere andere Arbeit ging unvermindert weiter.

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Im September/Oktober 1945 kamen etwa jede zweite Nacht rund 1000 Menschen in Güterwagen nach Warendorf. Wir wunderten uns über diese Art des Transports nicht, denn Truppenverschiebungen und andere Menschentransporte waren auch in solchen Wagen vorgenommen worden.

Da wir im Gestüt mit dem Essen auf die Ankommenden warteten, weiß ich nicht, wer sie am Bahnhof abholte und zu uns brachte. Wir standen an langen Tischen am oberen Ende der Halle, jeweils zu zweit, eine zum Austeilen der Suppe, die andere zur Brotausgabe. Die Brote waren mit Fett und Aufschnitt belegt, die Suppe war gehaltvoll.

Leider waren die Vorräte begrenzt. Wenn wir versuchen wollten, jedem etwas zu geben, mussten wir aufpassen, dass nicht Schwächere und Mütter mit Kindern immer wieder zurückgedrückt wurden. Jeder kämpfte nur ums eigene Überleben. Sehr bald organisierte Frau Schwerbrock, die unsere Ansprechpartnerin blieb, für uns männliche Hilfe, ältere Leute, die die Schlange vor unseren Tischen überwachten.

Die Ankommenden standen noch unter Schock.

Sehr lange hatte der Krieg diese Menschen aus den abgelegenen Gegenden verschont, und von den Zuständen im Westen, den brennenden Städten, hatten sie keine Vorstellung. Sie waren aus unzerstörten Wohnungen geflohen oder vertrieben worden. Die meisten kannten den Westen überhaupt nicht, denn diejenigen, die irgendwelche Kontakte nach Westdeutschland hatten, wie z.B. meine Freundin, kamen nicht mit diesen Zügen. Sie hatten, konnten sie nicht wissen. Der Schock, unter dem sie standen, machte sie entweder apathisch oder aggressiv. Viele waren für die Hilfe dankbar, manche allerdings versuchten uns lautstark einzuschüchtern, stellten Forderungen, die völlig unrealistisch waren.

Die Züge waren hauptsächlich in der Grafschaft Glatz und Reichenbach zusammengestellt worden, aber es waren auch Trucks dabei, die weiter östlich zu Hause waren. Deshalb gingen meine Freundin, die ihren Vater, ihre Tanten aus Oberschlesien und ihre Großmutter aus Breslau suchte, und ich gegen Morgen durch die Stallgassen und versuchten, Nachrichten einzuholen. Leider konnte man uns nicht viel helfen. Wir erlebten nur, aus welchem Chaos diese Menschen gekommen waren. Sie waren noch völlig verstört. Der Kriegsschrecken hatte sich nicht, wie bei uns, langsam gesteigert, sondern war plötzlich über sie hereingebrochen.

Da wir jeweils morgens um 4 Uhr wieder in die Stadt zurückkamen, weiß ich nicht, ob eine Registrierung der Vertriebenen schon in Warendorf stattfand. Jedenfalls fuhr der Zug am Tage nach Lüdinghausen weiter, von dort wurde die Verteilung auf die Dörfer und Städte vorgenommen. Damit ergaben sich wieder neue Probleme: Unsere niederdeutschen Bauernhäuser waren für die Aufnahme von Fremden denkbar ungeeignet. Auch in den Städten gab es kaum Wohnmöglichkeiten, in denen eine Familie für sich leben konnte. Taktlosigkeiten aus Unkenntnis der jeweils anderen Lebensgewohnheiten erschwerten die Verständigung.

Wenn man sich heute nach 50 Jahren die Schwierigkeiten dieser Zeit zu vergegenwärtigen versucht, weiß man nicht, wie wir das alles überwunden und geschafft haben. Wir waren jung, freuten uns, dass wir noch lebten und dass am nächsten Morgen die Arbeit vom vergangenen Tag noch nicht zerstört war. Doch wird unsere Generation wohl nie vergessen, wie gefährlich und schwer diese Zeit gewesen ist. Und sie sollte glücklich über jeden Tag sein, der friedlich verläuft.

Besonders dankbar müssen wir aber alle sein. dass es solche Menschen wie Frau Schwerbrock und Frl. Carle gegeben hat, die aus dem Nichts eine Hilfstruppe organisierten und mit großem Einsatz die erste Versorgung dieser armen Menschen sicherstellten.

hatten vorher versucht, sich durchzuschlagen. Die Züge blieben öfter stehen, weil die Gleise noch nicht wieder in Ordnung waren. Da konnte man abspringen und selbständig versuchen durchzukommen. Die Züge wurden über Nebenstrecken geführt, denn die Hauptstrecken mit den Großstadtbahnhöfen wurden für die Engländer und den regulären Zugverkehr freigehalten, falls sie überhaupt schon repariert waren.

So kamen diese Flüchtlinge mit völlig falschen Vorstellungen nach Warendorf. Sie waren bisher in der englischen Zone nur an Dörfern und Kleinstädten vorbeigefahren, die verhältnismäßig unzerstört waren. Auch in Warendorf hatten sie nur unversehrte Häuser gesehen. Dass sich in diesen Häusern Menschen drängten, die als Ausgebombte oder Flüchtlinge vom Niederrhein und dem Westmünsterland oft auch alles verloren.
 

Landgestüt Warendorf:
In diesen Pferdeboxen, die nach Kriegsende 1945 zunächst befreiten Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen als Unterkunft dienten, wurden mit Beginn der- Flüchtlingszüge von Ende Oktober 1945 bis Ende August 1946 über 50 Bild .000 deutsche Evakuierte und Ostvertriebene des  Auffanglagers Warendorf jeweils für kure Zeit zu Übernachtung und Verpflegung untergebracht. Viele von ihnen stammten aus Stadt und Kreis Reichenbach und fanden in Stadt und Kreis Warendorf eine neue Heimat. Allein die Inlettfabrik Brinkhaus in Warendorf beschäftigte 1950 unter rund 900 Mitarbeitern über 350 Ostvertriebene, vornehmlich aus Schlesien.