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WIR, die wir die Vertreibung erleben mussten, nehmen im Gedenken an die über 2 Millionen Toten aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches, die Opfer dieses Verbrechens wurden, die obige Aufforderung des israelischen Präsidenten auch für unser Trauma in Anspruch. Auch für uns ist "die Vergangenheit ständige Gegenwart." Wieder wurden die Frankensteiner in langem Zug zu Fuß von der bewaffneten polnischen Miliz die Straße entlang getrieben in Richtung Frankenstein. Ein letzter trauriger Blick zurück auf den Heimatort und Kirche, Am Morgen traten die Frankensteiner mit ihrem Gepäck, den beladenen Handwagen, Rucksäcken und Taschen, wieder wie im Juli 1945, hinaus auf die Straße. Jetzt, fast ein Jahr nach Ende des Krieges, mussten sie endgültig ihren Besitz, die Familiengräber, das Land ihrer Ahnen, ihr schönes Schlesien verlassen. Das vertraute Bild, alles was man liebte, die Familiengräber, das Land ihrer Ahnen, ihren Besitz alles vorbei. Die polnische Miliz mit den viereckigen Mützen treibt weiter, weiter. Im Hotel Elephant, dem Sitz der Miliz in Frankenstein, wurden alle Deutschen registriert und bekamen die Nummer eines Viehwaggons zugeteilt. Alle wurden gleichzeitig mit den Deutschen aus anderen Dörfern Richtung Bahnhof zwecks Abtransport getrieben. Die polnische Organisation klappte vorzüglich! Das sonst angezweifelte Organisationstalent der Polen verdient hier ein großes Kompliment, die Vertreibung der Deutschen war von langer Hand bestens organisiert! Zum Schlafen ließ man keine Zeit, (da die Gepäckkontrollen gemacht wurden und manches Andenkenstück verloren ging.) vor der Verladung mussten alle zu Fuß mit dem Gepäck, den beladenen Handwagen, Rucksäcken und Taschen zur "Kontrolle" in den leeren Hallen der am Bahnhof gelegenen Füllhalterfabrik Haro antreten. Die "Kontrolle" der Polen bestand darin, den Deutschen noch möglichst viele Wertsachen abzunehmen. Nachdem der durchwühlte, nochmals kleiner gewordene, letzte Besitz wieder mühsam zusammengepackt war, ging es zu den bereitstehenden Viehwaggons. Die abgestellten Handwagen verschwanden, und wer sie dann wieder brauchte, musste Zloty bezahlen. Auf jeden Viehwagen waren etwa 31 bis 32 Personen eingeteilt worden. Man saß zwischen dem Gepäck, hinlegen war da nicht möglich. Am Abend verließ der Zug mit den Deutschen die Kreisstadt Frankenstein. Es war kalt. Nachts stand der Zug lange in Liegnitz. Da wussten die Vertriebenen wenigstens, dass es wirklich westwärts ging!

Doch einen kleinen Teil hielten die Polen noch da, sie konnten deren Arbeitskraft noch nicht entbehren. Was mögen die Festgehaltenen empfunden haben, als die anderen fortgetrieben wurden und sie als kleiner Haufen unter den Polen zurückbleiben mussten? So schwer das Fortmüssen war, aber weiter unter der Polenherrschaft leben?

Die am 29.9.1946 von den Polen noch in Frankenstein zur Arbeit festgehaltenen wurden auf ähnliche Weise mit einem späteren Transport nach Westdeutschland "verfrachtet". Auch sie kamen zuerst nach Frankenstein in den "Elephanten".

"Manche Söhne der Bauern setzten ihre Väter vorher unter Alkohol, um ihnen den Abschied von Frankenstein, von ihren Höfen und allem Hab und Gut zu erleichtern. Unser Reiseproviant waren ein Eimer Sirup und ein Eimer saure Gurken. Im "Elephanten" wurden wir alle von den Polen noch ordentlich "gefilzt". Diese "guten Katholiken" achteten nicht einmal die Nonnen.

"Dann kamen etwa 35 Personen, Alte, Kranke und das Gepäck in recht kleine Viehwagen. Als der Zug in Richtung Gnadenfrei an unserem Dorf vorbeifuhr, war kein Laut im Wagen zu hören."

"Auch dieser Transport mit Frankensteiner kam über Mariental. Hier wurde er aufgeteilt. Ein Teil der Vertriebenen blieb in der Umgebung "Zuerst wurden alle Deutschen registriert. Dann kamen Männer mit Listen, die Bescheid gaben, wer an die Reihe kam. Am 28. August 1946 kam der Mann mit der Liste zu uns und sagte, dass wir uns am nächsten Morgen um 7 Uhr vor unserem Hause einfinden müssten. Wir machten alles zurecht. Am nächsten Morgen regnete es in Strömen. Wir standen von 7 bis 9 Uhr auf der Straße, der Regen hielt den ganzen Tag an. Mittags kamen wir in Reichenbach an, wo wir eine Waggonnummer bekamen. Nachmittags gingen wir durch die "Kontrolle". Es wurde wieder viel "konfisziert". Uns nahm man nur einen Regenschirm weg, denn wir hatten nur noch abgebrauchte Sachen. Dann ging es zum Bahnhof. Dort warteten wir wieder im Regen bis 19 Uhr. Dann kam der Zug. Beim Einladen des Gepäcks wurden von den Polen noch Gepäckstücke unter den Waggons weggezogen. Nachts um 2 Uhr fuhr der Zug los. In Sorau stand der Zug drei Tage. Am 2. Tag wurden junge Burschen, darunter auch ich, zum Kohlenaufladen geholt. Als der Zug nach drei Tagen nachts von Sorau abfuhr, hieß es, wir kommen in die russische Zone. Mittags wurden wir am Übergabeort anhand von Listen gezählt und etwa 20 Leute, die sich eingeschmuggelt hatten, wurden abgeführt. Dann ging es bis Forst, das schon in der russischen Zone lag. Abends fuhren wir ab. Am nächsten Morgen erreichten wir um 7 Uhr Hoyerswerda, wo wir in das Quarantänelager Elsterhorst kamen. Es fasste etwa 15 000 Menschen. Es gab auch eine Abteilung für
20 000 deutsche Gefangene, die mit Stacheldraht von uns getrennt waren." Der Aufenthalt in diesem Lager dauerte etwa 4 Wochen. Die Vertriebenen wurden in kurzen Zeitabständen 3 mal entlaust. Zu Essen erhielten pro Tag 5 Personen 1 Brot, 5 Esslöffel Zucker, 2,5 l Suppe. In den 4 Wochen ihres Aufenthalten durften sie das Lager nicht verlassen. Dann endlich erhielt Familie Zwiener Papiere mit dem Bescheid, dass sie nach Sachsen kämen. Sie bekamen vom Bürgermeister ein "Zimmer" zugewiesen, ähnlich wie es auch in der britischen Besatzungszone zuging. Erst 1948 bekamen sie endlich in Thammenhain durch Vermittlung, eine bessere Bleibe. Die Familie hatte wie einige andere Frankensteiner das Pech, in der sowjetischen Besatzungszone zu landen und die späteren Segnungen der DDR zu erleben. Er wurde nämlich zunächst abgelehnt, weil die Familie in Schlesien zu wohlhabend war!